Jörn Petersen

Darwin in Hamburg

Hamburg Hauptbahnhof; am Ausgang Richtung St. Georg ertönt aus kleinen Lautsprechern klassische Musik; im gegenüber liegenden Schauspielhaus wird ein gesellschaftskritisches Theaterstück aufgeführt. Ich trinke in einem Fastfood-Restaurant einen Kaffee und sitze neben einer osteuropäischen Familie, deren Herkunft ich nicht exakt deuten kann. Ein Mann, eine Frau, drei Kinder. Die Frau ist sehr dick und nicht besonders gepflegt. Über ihrem schwarzen Kleid und den braunen Baumwollstrümpfen trägt sie einen roten Mantel, dessen Stoff ein wenig verfilzt ist. Langsam wird es Zeit, mir eine Fahrkarte zu besorgen.

Im Ticketcenter der Bundesbahn stehen etwa zwanzig Menschen in einer Schlange und warten darauf, abgefertigt zu werden. Neben mir eine ältere Dame. Hanseatisch korrekt rückt sie das Revers ihres dunkelblauen Mantels zurecht und zupft noch einmal an ihren dauergewellten Haaren, die sie sich jeden Samstag machen lässt, wenigstens wenn nicht gerade die Abbuchungen für die Versicherungen fällig sind, weil dann neben der Miete nicht mehr allzu viel für den Monat übrig bleibt. Sie hat gehört, dass Charles Darwin in diesem Jahr seinen zweihundertsten Geburtstag gefeiert hätte. In Israel haben die Parlamentswahlen einen erneuten Rechtsruck erfahren und der als Rassist verrufene Avigdor Lieberman wird wegen des knappen Wahlergebnisses zwischen der Kadima und dem Likud darüber entscheiden, welche Partei künftig die Regierung führen wird. Leise flüstert sie die Worte vor sich hin und lässt sich ihre Gedanken auf der Zunge zergehen: „In Israel entscheidet ein Rassist über den Ausgang der Wahl.“

Sie fühlt den bitteren Beigeschmack dieser paradoxen Welt, während der Papst gerade alle Hände voll damit zu tun hat, seinen angeschlagenen Hofstaat zu kitten, weil vor wenigen Tagen ein Priester der rechtsradikalen Pius-Bruderschaft in aller Öffentlichkeit den Holocaust geleugnet hat und von einer Entschuldigung weit entfernt ist. Plötzlich rufen nicht mehr soviele „Wir sind Papst“ und die Frau neben mir wüsste gerne, wer Charles Darwin ist. Sie hätte ihm gerne gratuliert. Immerhin wird James Last auch bald 80 Jahre alt. Und den kennt ja nun wirklich jeder. Sie rückt in der Schlange zwei Plätze weiter nach vorne und wird immer nervöser, weil ihr Zug bald fahren wird und sie noch keine Reservierung hat. Was soll sie denn machen, kann doch keiner von ihr erwarten, die ganze Zeit von Hamburg bis Goslar zu stehen.

Mittlerweile ganz vorne in der sich kaum bewegenden Schlange steht ein Farbiger. Die hanseatische Dame kann nicht recht verstehen, weshalb der eine Sonnenbrille trägt. Schließlich ist es Winter, und hier beim Fahrkartenschalter braucht man doch keine Sonnenbrille. Ansonsten sieht er aber nicht schlecht aus. Großgewachsene Figur, kräftige Wangenknochen und eine lässige Ausstrahlung. Seine Haare hat er unter einer beigen Wollmütze versteckt. Eine sportlich glänzende, schwarze Jacke verdeckt seine muskulösen Schultern. Während alle anderen, unsicher darüber, ob sie ihre Züge noch erreichen werden, immer nervöser werden, scheint der Farbige in sich selbst geborgen zu sein. Bestimmt ist er auch ein wenig nervös. Am Schalter geht es ja nicht weiter. Aber statt hin- und herzuzappeln, fängt er einfach leise an zu singen. Sie findet, das macht ihn noch ein wenig attraktiver. Dieser Sing-Sang ist bei den Farbigen bestimmt Stammestradition. Da sieht man mal, was man von den Naturvölkern alles lernen kann. Wenn sie nochmal jung wäre. Tja, aber die Zeiten sind vorbei und Hermann lebt nicht mehr. Sie fährt jetzt zu ihrer Schwägerin Hilde nach Goslar. Das macht sie einmal im Jahr. Und der wird sie von diesen Gedanken ganz sicher nichts erzählen. Aber sie wird Hilde mal fragen, wer dieser Charles Darwin ist.

© 2009 by Jörn Petersen

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