Jörn Petersen

Der Admiral

Posted in Am Anfang meines Lachens, Am Ende meiner Würde, Literarischer Journalismus by Jörn Petersen on August 29, 2009

Der Admiral hält sich auf dem Parkplatz der Wakeboardanlage versteckt. Misstrauisch und gehetzt duckt er sich in den Schatten der mit Sand bedeckten Fahrzeuge. Unberechenbar wechselt der aufkommende Sturm seine Richtung. Trotz seiner durchtrainierten Muskeln hat der Admiral Mühe, sich irgendwo an einer verrosteten Tür festzuhalten. Die Böen werden immer stärker und drohen ihm die Beine wegzupusten. Mit suchendem Blick fragt er sich, wo all die anderen geblieben sind. Mag sein, außer ihm ist keiner mehr übriggeblieben. Er fühlt sich allein. Der letzte Überlebende längst vergangener Zeit.

Doch jetzt ist nicht der Augenblick für Sentimentalitäten. Irgendwie muss er hier durch, der Sonne hinterher. Groß ist die Auswahl nicht. Schutzlos losrennen, nein. Da könnte er sich auch genauso gut selbst erschießen. Wie lange hat er sich um diese Entscheidung gedrückt. Ihm wird keine Wahl bleiben; er wird dem Schicksal seine Achillessehne bieten müssen. Er wird genau das tun müssen, was ihm auf dieser Welt am allerschwersten fällt: Vertrauen! Er wird in sein Schicksal, sich selbst und vielleicht sogar in andere vertrauen müssen. Aber ein Admiral, der auf andere vertraut. Das passt nicht in sein Weltbild. Ein Admiral ist stärker und größer als alle. Ein Admiral ist ein Anführer. Und einer, der sonst immer als erster am Ziel ist, der immer zeigt, wo es langgeht, der immer weiß, wohin der Weg führt, der soll jetzt vertrauen? Einfach vertrauen.

Okay, er will hier nicht verrecken. Also ist der Moment gekommen. Er saugt noch einmal den kalten Herbstwind direkt in seine Lungen. Wie den Zug von einer verglimmenden Zigarette, kurz bevor das Schicksal beginnt. Er kneift seine Augen im gleißenden Licht der Sonne ein wenig zusammen und sieht einen riesigen Greifarm auf sich zukommen. Kann‘s nicht richtig einschätzen, ist das ein Baum, eine Maschine oder irgendein Tier. Aber es schwingt auf ihn zu, und er will hier weg. In dem Augenblick, da der Greifarm an ihm vorüberschwingt, macht er einen Satz und hält sich mit aller Kraft seiner gestählten Muskeln daran fest. Er fühlt sich nackt wie ein kleines Kind, das sich im Kindergarten eingenässt hat und nun von den anderen Kindern gehänselt wird. Und zugleich ist er stark und erwachsen wie ein Admiral. Denn er hat längst keine Mutter mehr, die ihn abholen könnte.

Der Admiral

Der Admiral

Einfach festkrallen, egal was kommt. Mit ein wenig Glück wird er den richtigen Absprung schon finden. Er spürt, wie er auf diesem riesigen Greifarm durch die Luft getragen wird. Vertrauen, ein viel zu oft strapaziertes Wort. Auf der Admiralsschule hat man ihnen damals eingetrichtert, dass man ausschließlich sich selbst vertrauen kann. Und jetzt? Ändern kann er‘s ohnehin nicht mehr. Also Augen auf und durch. Der Greifarm scheint ihn gar nicht zu bemerken; so fühlt sich sicherlich ein blinder Passagier. Er wird in einen großen Raum getragen. Wie ein Voyeur könnte er vielleicht die Gespräche der anderen anhören. Er könnte sich einfach hinter den Greifarm ducken und zuhören. Aber das kann keiner von ihm erwarten. Er ist zwar Admiral, aber für eine Tapferkeitsmedaille fühlt er sich auch nicht geboren. Er riecht das Wasser, er fühlt die Sonne. Der Moment scheint günstig. So nimmt der Admiral all seinen Mut zusammen, öffnet seine Flügel und fliegt vertrauensvoll davon.

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