Jörn Petersen

Indiskrete Verspätung

Posted in Am Ende meiner Würde, Literarischer Journalismus, Portraits by Jörn Petersen on September 2, 2009

IMG_0472Intercity 2115 von Hamburg nach Köln, aus den Lautsprechern ertönt die indiskrete Ansage des Zugbegleiters: „ … wegen einer selbstmordgefährdeten Person werden wir den Dortmunder Hauptbahnhof mit einer Verspätung von 15 Minuten erreichen.“

Zwei Reihen vor Sonja Trondberg sprudelt es aus einem besonders Witzigen heraus: „Siehst Du, ich sag‘s doch immer, das Einzige, worauf man sich bei der Bundesbahn verlassen kann, sind die Verspätungen.“ Sie fragt sich, welche Arroganz dazugehört, über Verzweiflung zu scherzen. Oder ist es vielmehr die schamhafte Unsicherheit einer Situation, mit der man nicht umzugehen weiß? Ein Augenblick, der den letzten Rest von Pietät verschüttet. Und dann dieses mangelnde Fingerspitzengefühl der Durchsage. Woher weiß der Zugbegleiter, dass es sich um 15 Minuten handeln wird? Hat sich da jemand mit dem Hals auf die Gleise geschnallt, und der Zug kommt in einer Viertelstunde, und dann ist das Problem erledigt? Vielleicht ist das der börsennotierte Maßstab für ein Menschenleben: Fünfzehn Minuten.

IMG_0464Sie zieht ihre langen Haare ein wenig ins Gesicht, gerade so, wie man eine Gardine vor ein Fenster zieht, damit die anderen Menschen nicht zu tief hineinsehen können, will sich von verschwendeten Gedanken nicht die Laune rauben lassen. Eine Strähne lockt sich über ihre Wange und zeigt auf ihren Mund, der so geübt darin ist, mit flüssigen Worten die stets in ihr verborgene Unsicherheit zu verscheuchen.

„Da wird sich meine Tochter bestimmt Sorgen machen.“, sagt der alte Herr neben Sonja. „Sie sorgt sich jedesmal, wenn der Zug Verspätung hat; das hat sie von ihrer Mutter geerbt.“ Er wickelt ein lieblos eingeschlagenes Käsebrot aus und schaut Sonja beinahe entschuldigend an: „Hab‘ ich selbst gemacht. Solange Hilde noch lebte, wäre das nicht passiert. Die hat Frühstücksbrote wie Geschenke verpackt. Und bei jedem Bissen wusste ich, dass sie an mich denkt.“ – „Ihre Frau lebt nicht mehr?“ – „Sie hat sich um alles und jedes Sorgen gemacht, nur um sich selbst nicht. Sie war eine gute Frau. Vermutlich hat sie sich zu wenig Ruhe gegönnt. Irgendwann wollten ihr die Beine nicht mehr gehen.“ – „Das tut mir leid.

„Wissen Sie, wir waren über vierzig Jahre verheiratet. Wenn man soviele Jahre Seite an Seite erleben durfte, sollte man dem Herrgott dankbar sein. Ich bin dankbar, für jeden gelebten Tag. Jeder Tag ein Geschenk, wie ein liebevolles Frühstücksbrot.“ – „Und jetzt leben Sie bei Ihrer Tochter?“ – „Nein, nein. Das würde uns beiden nicht gut tun.“ – „ … ? “ – „Ich fahre nur zu Besuch, Enkel einhüten. Die freuen sich auf ihren Opa und werden mir sicher gleich am Bahnhof in die Arme fliegen. Ich freue mich immer, wenn meine Tochter mal nach ihrem alten Vater ruft.“

IMG_0465„Das hört sich nach einer tollen Familie an. Ihre Tochter ist bestimmt sehr stolz auf Sie.“ – „Oh, ich hoffe doch, sonst wäre in meinem Leben irgendwas entschieden verkehrt gelaufen. Wir reden zuviel von mir. Reden wir von Ihnen: Ich bin davon überzeugt, dass Ihr Vater ebenso stolz auf Sie ist.“ – „Ja, sicher.“, sagt Sonja und der Herr neben ihr bemerkt sofort, dass sie gerne das Thema wechseln will. Sonja hätte die Geborgenheit einer solchen Familie auch gerne erlebt. Aber ihr Leben verlief einfach anders. Aufgewachsen war sie bei ihrer Mutter; ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. Es hieß, er sei im Krieg gestorben, aber seit sie rechnen konnte, wusste sie, dass es sich dabei um eine Lüge handelte. Sie war mittlerweile 29 Jahre alt, und es gab keinen greifbaren Krieg, in dem ihr Vater hätte gestorben sein können.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: