Jörn Petersen

Wer in der Dunkelheit zittert …

Posted in Am Anfang meines Lachens, Am Ende meiner Würde, Literarischer Journalismus by Jörn Petersen on September 2, 2009

An diesem Tag hatte ich es sogar geschafft, Herbert zu einem kleinen Spaziergang zu überreden. Es war ein kleiner Funke wiedererwachenden Lebens, der ihn zu ergreifen schien. Zwar erwies sich die Strecke von seinem Stammplatz auf der Wallbrücke bis zum Marktplatz in Herberts´ Zustand als eine nahezu übermenschliche Anstrengung. Aber irgendetwas schien in ihm aufzuflackern, das ihn nach seinen Grenzen suchen ließ. Dass diese Grenze sehr schnell in Sichtweite kam, war unwichtiger, als die Tatsache, diesen Punkt gefunden und überwunden zu haben.

„Was denkst Du, wenn Du die Menschen sagen hörst, wie schlecht es Ihnen geht?“ …“Weißt Du, darauf gibt es keine Antwort. Ich höre sie nicht. Mit mir spricht doch keiner. Ich bin mitten unter ihnen, aber ich gehöre nicht dazu. Nicht beachtet, wie dreckige Luft, die keiner atmen will.“ Tja, sogar das Wohlstandsgejammer scheint zu gesellschaftsfähig geworden zu sein, als dass man einen Aussätzigen daran teilhaben ließe. „Glaubst Du, sie fürchten sich vor Dir?“ – „Klar, sie fürchten sich vor der Armut. Und ich bin das lebende Spiegelbild dessen, wie es einmal sein könnte…. für jeden. Kletterst Du auf einen Berg, darfst Du nicht nach unten sehen. Rennst Du vor einer Gefahr davon, dann sollst Du nicht nach hinten schauen. Und wer in der Dunkelheit zittert, macht eine Kerze an. Was man nicht sieht, das fürchtet man nicht. Deswegen schauen die Menschen einfach durch mich hindurch. Und ich kann es Ihnen nichtmal verübeln. Denn ich schaue schließlich auch nicht freiwillig in den Spiegel, erst recht nicht, wenn der schon an vielen Ecken und Enden zerbrochen ist.“

Und plötzlich dreht Herbert richtig auf. „Interpretierst Du Marx und Hegel im Umkehrschluss, wird Dir schnell bewusst, dass Menschen wie ich in dieser Gesellschaft nicht existieren. Sie sind einfach nicht da. Nach Marx wird ein Mensch durch Arbeit zum Besitzer. Wer arbeitet, besitzt nicht etwa nur einen Gegenstand, sondern das Produkt seiner kreativen Schaffenskraft. Wer nicht in irgendeiner Art und Weise gesellschaftsdienlich produktiv ist, ist nach dieser Definition nicht vorhanden. Es gibt ihn nicht. Er ist also wirklich im eigentlichen philosophischen Sinne ein Nichts!“ Er macht eine kurze Pause und seine Lippen zittern von der Anstrengung der vielen Worte. „Was für ein verdrehter Gedanke. Wenn ich mich noch in meinem alten Leben befände, würden jetzt bestimmt sämtliche Marxisten und Politologen linker Couleur auf die nächste Anhöhe klettern, um mich von dort mit Unmengen von Dreck zu beschmeißen. Aber davor brauche ich mich nicht zu fürchten. Herbert Wenningstedt gibt es ja nicht mehr.“

Wie zur Bestätigung seiner Worte läuten die Glocken des nahegelegenen Doms zur vollen Stunde. Mehr als zwanzig Minuten sind während unserer Unterhaltung vergangen. Jahre muss es her sein, dass Herbert zum letzten mal dermaßen viel in einem Stück gesprochen hat. Er macht in alter Routine eine Handbewegung, als wollte er nach dem Philosophieunterricht das Klassenbuch schließen und seine Schüler mit denkenswerten Themen in die Pause entlassen. Aber das einzige, was er schließt, sind seine Gedanken. Und so entschwindet er wieder in seine hochprozentige Welt und nimmt einen kräftigen Schluck aus der Rotweinpackung. Mir scheint, er leert sie fast in einem Zug.

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