Jörn Petersen

Zauber eines Lächelns

Posted in Am Anfang meines Lachens, Am Ende meiner Würde, Literarischer Journalismus by Jörn Petersen on September 6, 2009

IMG_0407Eine Libelle fliegt durch das Zimmer von Herrn Korthrade. Er ist genervt und von einer Bewunderung für die Notwendigkeiten der Natur meilenweit entfernt. Er kann das kaum ertragen; verstehen schon gar nicht. Warum darf ein Lebewesen derart viele unnütze Wege machen. Weshalb fliegt es nicht direkt zu seinem Ziel, setzt sich nieder und erledigt seine Aufgaben. Ach, dieses Tier hat ja keine Aufgabe, also auch kein Ziel. Was für ein sinnentleertes Dasein.

Eine Libelle fliegt durch das Zimmer von Herrn Korthrade. Ihre zarten Flügel schimmern im Licht der untergehenden Sonne. Sie dreht in all ihrer Schönheit noch ein paar spannende Kurven. Das mag gedankenlos sein. Das riecht so schön nach Leben. Sie setzt sich mal hierhin, dann dorthin. Einfach mal hinfühlen. Flatterhaft und rastlos, vielleicht auch grenzenlos und neugierig. Ihr ist das gleichgültig. Sie möchte noch ganz viel davon.

Herr Korthrade kann sich nicht konzentrieren. Er sieht wirklich nicht ein, sich von dem IMG_0409Gebrumme eines lästigen Insektes um den Lohn seiner Arbeit oder vielleicht sogar um seinen Schlaf bringen zu lassen. Er hat ein Recht auf seinen Feierabend. Was bildet sich dieses unproduktive Vieh nur ein. Herr Korthrade lässt das Fenster einen Moment offen. Wenn das Ungeziefer auch nur einen Funken Verstand besäße, würde es nun das Zimmer verlassen und ihn nicht weiter von wichtigen Dingen abhalten.

Die Libelle kann sich nicht konzentrieren. Sie ist so aufgeregt, weil dieser schöne Tag nun bald zuende gehen will. Der merkwürdige Mensch hat sich noch nicht wirklich bewegt. Trotz ihrer Bemühungen, ihn ein wenig an der Nase herumzuführen. Sie hat Purzelbäume geschlagen, hat mit den Sonnenstrahlen gespielt. Aber für Freundlichkeit auf den Lippen des Menschen hat es nicht gereicht. Die Libelle ist hartnäckig. Sie wird es schon schaffen, ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern.

IMG_0415Herr Korthrade hat jetzt lange genug gewartet. Dieses Insekt hat in seinen Augen keinen Sinn. Das Fenster hat er lange genug offengelasssen. Sie hatte eine angemessene Chance sich zu entscheiden. Ihr penetrantes Gebrumme ist nicht länger zu akzeptieren. Er nimmt sein dickstes Buch aus dem Regal und schlägt damit nach dem Insekt. Getroffen. Herr Korthrade lacht schallend und überlegen. Dabei hätte die Libelle ihm so gerne ein Lächeln gegeben.

Die Libelle hat jetzt lange genug gewartet. Längst hat sie das offenstehende Fenster erblickt. Dieser Mensch zeigt keine Fröhlichkeit. Weder Freude noch Lust oder Herzlichkeit. Ein wenig wird sie ihn noch necken. Sie setzt sich auf die große verzierte Glasvase. Mag sein, sie wird ihn mit ihrem Getänzel ein wenig provozieren. Sie beobachtet den Menschen, wie er sein dickstes Buch aus dem Regal nimmt und damit nach ihr schlägt. Daneben. Herr Kothrade verfehlt die wunderschöne Libelle und schneidet sich an der zersplitternden Vase die Hand auf. Er jault und schreit vor lauter Wut über dieses sinnlose Insekt. Die Libelle fliegt mit einem Lächeln davon. Dabei hätte sie es so gerne diesem verbitterten Menschen gegeben.

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