Jörn Petersen

Makelhafte Schönheit

Posted in Am Ende meiner Würde, Literarischer Journalismus, Portraits by Jörn Petersen on September 10, 2009

Der unscheinbare Gerrit Möhlmann ist gehbehindert. Sein linkes Bein ist zehn Zentimeter kürzer als das rechte und er hat einen Hüftschaden. Wegen seines deformierten linken Fußes ist er auf orthopädische Schuhe und – an schlechteren Tagen – sogar auf Gehilfen angewiesen. Gerrit hat nur einen schlecht bezahlten Job in der Registratur einer renommierten Werbeagentur. Nach der Miete und ein paar bescheidenen Lebensmitteln bleibt da nicht mehr viel. Dass seine Mutter in der Kleiderkammer der Caritas arbeitet, kommt ihm ganz gelegen. Sie bringt ihm manchmal ein Teil mit. Irgendwas zum Anziehen, von dem sie vermutet, dass es ihm passt. Vielleicht aus Resignation legt er keinen Wert auf sein Äußeres, kann‘s ohnehin kaum beeinflussen.

In der Werbeagentur gehen die Reichen und Schönen ganz selbstverständlich ein und aus. Perfekt gestylte, elegant gekleidete Menschen, die sich ihrer Wirkung sehr bewusst sind. Die Vergänglichkeit der Jugend wird mit Botox und dem Skalpell bekämpft. Narzismus Hand in Hand mit der Angst vor dem Verlust der werbewirksamen Schönheit. Gerrit ist nicht schön, zumindest empfindet er sich nicht so. Er sieht sich als einen Menschen voller Makel. Der Tag besteht daraus, den anderen Menschen nicht in die Augen zu schauen und die vielen Spiegel in der Werbeagentur zu meiden. Mit gebeugten Schultern versteckt er sich vor den Models, den Visagisten, den Kollegen, dem Tag und vor sich selbst. Keine Koketterie nach dem Vorbild der Werbe-Ikonen, »Ach, ich sehe heute so schrecklich aus, mein Make-Up ist verrutscht.« Bei ihm ist das anders. Gerrit Möhlmann schämt sich für sich selbst.

„Na Gerrit, hast Du Dir wieder Stilaugen geglotzt?“, ruft Jenny Fischer ihm hämisch hinterher. Sie kommt hier regelmäßig zu Fotoshootings, gehört schon fast zum Inventar. Meistens steht sie für Dessous aus den Versandhauskatalogen vor der Kamera. Jenny hat lange, blonde Engelshaare. Aber ihr Verhalten ist alles andere als engelsgleich. Sie weiß sehr genau, wie man eine Modelkarriere plant.

Nachdem er die Akten geordnet und die Schreibtische der Kollegen geputzt hat, humpelt Gerrit langsam nach hause. Die drei Haltestellen kann er auch zu Fuß gehen. Fahrkarten werden immer teurer. Wie jeden Tag, nickt er beim Bäcker durch das Schaufenster kurz der Verkäuferin Beate Müller zu. Wenn die wüßte, was er über sie weiß, würde sie vermutlich nicht so freundlich lächeln.

Kurz darauf laufen ihm ein paar leicht angetrunkene Jugendliche über den Weg. Laut pöbelnd ahmen sie sein Humpeln nach und machen sich über ihn lustig. Gerrit zieht die Schultern tiefer, versucht seine Seele zu schützen. Dadurch wird sein lahmender Gang noch etwas auffälliger. Wie er das hasst. Er biegt noch eben in den Supermarkt, versorgt sich mit Sandwiches und Cola, und bedankt sich dann höflich bei der Kassierin mit den langen Beinen, die jedesmal so unschuldig den Kittel ein wenig zur Seite rutschen lässt und ihn dabei mitleidig anschaut.

Nach wenigen Minuten steht er im Treppenhaus vor seiner Wohnung. Einer dieser Mietsblocks, in denen mindestens acht Familien wohnen, die die Namen ihrer Nachbarn kaum aussprechen können. Ein rettender Ort, eine schützende Oase. Seine eigenen vier Wände, in denen niemand ihn auslacht. Er hängt seine abgewetzte Jacke und wahrscheinlich auch seine Identität an den Garderobenhaken, stellt die Kaffeemaschine an und humpelt zu seinem Schreibtisch. Der behinderte Gerrit Möhlmann hat mal wieder einen entwürdigenden Arbeitstag hinter sich gebracht.

Er stellt seinen Computer an, rückt die Tastatur zurecht und schreibt auch schon die erste Nachricht: „Hallo Jenny, Du siehst heute mal wieder umwerfend aus. Erzähle mir von Deinem Tag und von Deinen Träumen! Ich werde Dich auffangen. Bis später – Dein Marc.“ Auf eine Antwort braucht Gerrit nicht lange zu warten: „Hi Marc, endlich … ! Ich habe schon seit Stunden auf Dich gewartet. Wo warst Du solange? Deine Jenny.“

Schon blitzt ein weiteres Fenster auf Gerrits Bildschirm auf: „Hallo Marc, ich habe Dich vermisst. Ich sehne mich! Bis gleich – Beate …!“ … Die aufreizende Anja aus dem Supermarkt wird heute erst später kommen. Sie muss bis 20:00 Uhr arbeiten. Aber dann nimmt auch sie sich die Zeit für virtuelle Träume. Sie hat grenzenloses Vertrauen in Marc und erzählt ihm ihre intimsten Gedanken. Er hat ihr mal ein Photo von sich geschickt. Solch einem schönen Menschen kann man nur vertrauen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: