Jörn Petersen

Abwrackprämie

Posted in Am Anfang meines Lachens, Humoreskes, Literarischer Journalismus, Portraits, Skurriles by Jörn Petersen on September 11, 2009

Eine Reisegesellschaft mit einem Haufen fröhlicher Senioren nimmt Kurs auf den Bremer Busbahnhof. Haben den ganzen Tag in Bad Zwischenahn verbracht. Eigentlich sollten sie längst zurück sein, haben wohl die Zeit vergessen. Die Frauen plappern und singen und wedeln mit ihrer Einkaufsbeute. Schwarzbrot, Ammerländer Schinken und vor sechs Tagen aus England importierter frischer Aal.

Die Männer plappern nicht. Das ist in dem Alter nunmal so. In dem Alter ist man nur noch Beiwerk seiner Ehefrau. Und man ist als Mann schon dankbar, wenn man von seiner Frau nicht ständig vor der restlichen Gesellschaft gedemüdigt wird, weil man » … mal auf ihre Handtasche aufpassen soll.« Man tut dann möglichst unbeteiligt oder täuscht ein leichtes Schnarchen vor. Und wenn die Obstler-Fröhlichkeit der Damenwelt auf solchen Ausflügen den Siedepunkt erreicht, entfernt man unbemerkt die Batterie aus dem eigenen Hörgerät.

Diese Möglichkeit hat Hermann bislang leider nicht nutzen können. Seine Martha kennt den Trick. Sie ertappt ihn immer wieder mit strafendem Blick, sobald seine Hand nach dem Hörgerät tastet. Also wird er sich wohl das letzte Geschnatter dieser Kaffeefahrt zwischen Martha und ihrer Busenfreundin Ingeborg auch noch anhören müssen. Ab und zu ein unverbindliches »Ja, Martha« in die Unterhaltung schmeißen, dann wird er möglichst unbehelligt weiterdösen können.

„Weißt Du, Inge, diese Abwrackprämie ist dafür gedacht, die Wirtschaft anzukurbeln.“ philosophiert Martha, während sie sich noch ein Gläschen Mirabellenlikör hineinzwitschert. – »Gar nicht mal so dumm,«, denkt Hermann. »Aber lass doch den Schnaps aus dem Hals«. – Inge bestätigt Marthas‘ Ausführungen mit ihrem üblich allwissenden Kopfnicken und versucht nebenher, ihre lange Stricknadel als Schuhanzieher zu benutzen. Sie wollen ja bald aussteigen.

„Der Alte muss nur älter als neun Jahre sein. Das ist ein Klacks, er ist ja fast achtmal so alt.“ – » … ? … « Gerade noch wollte Hermann vom Wissen seiner Martha beeindruckt sein, ganz ehrlich. Aber dies ist der klassische »Strich durch die Rechnung«. – „Wieso achtmal?“ fragt Ingeborg unbeteiligt und will mit der Stricknadel ein wenig tiefer in den Schuh bohren, vielleicht klappt‘s dann besser, ihren nicht mehr ganz so schlanken Fuß hineinzuzwängen. Eigentlich bohrt sie eher die Stricknadel in ihre Perlonstrumpfhose, ohne das wirklich zu bemerken.

„Er ist 1930 geboren.“ – „Wer?“, fragt Ingeborg. – „Na, mein Hermann!“, antwortet Martha mit dem Tonfall der Selbstverständlichkeit. – »War wohl nichts mit Dösen …«, denkt Hermann. – „Ist der nicht zu alt?“ fragt Ingeborg teilnahmslos. Hermann simuliert einen Asthmaanfall. – „Nimm Dein Spray!“ kommandiert Martha voller Mitgefühl und wendet sich dann wieder Ingeborg zu: „Angenommen, ich wollte meinen Hermann nun abwracken. Dann muss ich nachweisen, dass er mindestens ein Jahr auf mich zugelassen ist.“ – „Wieso »zugelassen«?“ – „Naja, das sagt man so. Hat der von der Werkstatt auch gesagt. Er meint wohl, dass wir mindestens ein Jahr verheiratet sein müssen. Also, nicht irgendwie, sondern miteinander. Er mit mir, und ich mit ihm.“ – » … ? … « – „Also nicht der von der Werkstatt mit mir, sondern natürlich Hermann mit mir. Und ich mit ihm. Also mit Hermann und nicht mit dem von der Werkstatt.“ – „Und wie beweist man das?“ – „Können wir locker. Da brauchen die vom Abwrackamt nur mal zusehen, wie er mir noch die Tür aufhält. Nämlich gar nicht. Das sagt doch wohl alles.“ – Hermann hat sich gerade von seinem simulierten Asthmaanfall erholt, schon fühlt er sich wieder in den Bauch geboxt. » … Nämlich gar nicht … «, äfft er Martha in Gedanken nach. Seine Hand will sich wieder spontan in Richtung Hörgerät tasten, erntet aber ebenso spontan einen drohenden Blick von Martha. „Und dann?“ fragt Ingeborg und bemerkt, dass sie ihren Perlonstrümpfen eine Laufmasche zugefügt hat. – „Dann musst Du nur einen Antrag ausfüllen, kannst Du Dir einen Neuen holen und bekommst noch eine Prämie von zweitausendfünfhundert Euro!“ – „Einfach so?“ – „Einfach wie?“ – „Na so!“

Martha versteht nicht, was Ingeborg meint und widmet sich den Details: „Der Händler aus unserer Straße hat gesagt, sein Hof ist leer. Seit Jahren hat er nicht so viele verkauft wie jetzt. Aber nur Kleine. Die Großen und Dicken, stehen sich die Räder platt. Aber das kennst Du ja, Ingeborg.“ – „Ich hab ´ne Laufmasche!“, sagt Ingeborg. Hermann würde lieber der vorbeilaufenden Blondine ein wenig in den Ausschnitt glotzen, als dieser tiefsinnigen Unterhaltung zu folgen, aber er hat Angst vor Marthas Blicken.

„Und die kleinen Deutschen sind alle weg.“, lässt Martha nicht locker. „Die sind einfach weg!“ Martha kann das gar nicht fassen. „Und jetzt holen sie von überall aus Europa noch Kleine ran, damit sie die große Nachfrage bedienen können, und das alles nur wegen der Abwrackprämie.“ Martha redet sich langsam in Rage. „Früher sollten sie groß und stark sein, so wie mein Hermann. Kann man sich kaum noch vorstellen, aber er war auch mal groß und stark.“ – »Du warst auch mal zart und schlank« denkt Hermann.

Wenn Martha erstmal ihren Redefluss gefunden hat, ist es nahezu sinnlos, sie stoppen zu wollen: „Da muss man schon aufpassen. In Spanien ist es doch so heiß, das liegt ja ganz in der Nähe von Mallorca, und die essen auch ganz anders. Also angenommen, Du kriegst eben nicht so einen unterkühlten Rumänen, sondern vielleicht einen feurigen Flamencotänzer, der gerne Paella mit Knoblauch und solchem Krabbelzeugs aus dem Meer isst. Dann is‘ das mit der Abgasnorm auch wieder nix.“ – „Ja und?“ – Es wird etwas kompliziert. Langsam kann selbst Ingeborg nicht mehr folgen. – „Inge, wieso fragst Du immer »Ja und«? Das ist doch ganz einfach. Das bedeutet, dass ich zwar die Abwrackprämie für Hermann kriege. Aber der Neue kriegt keine Umweltplakette, und das kostet mittlerweile 63 Euro. Hab‘ ich alles von dem in der Werkstatt erfahren. Tja, da staunst Du!“ – Ingeborg staunt nicht. Aber Hermann, der staunt. Inge hingegen regt sich zunehmend über die häßliche Laufmasche in ihren Strümpfen auf. Sind ja nicht so leicht zu bekommen, in dieser Sondergröße. Aber mit so einer peinlichen Laufmasche kann man nicht rumlaufen. Was sollen da die Leute denken. „Hermann, kannst Du mir mal eben hochhelfen?“

Hermann wird sein Bestes tun, aber die Erfolgsaussichten halten sich in Grenzen. Immerhin hat er eine Frau mit Sondergröße zu stützen, die im Begriff ist, ihre Strumpfhose auszuziehen. – „Natürlich, Inge.“ sagt er mit einem zerknirschten Lächeln und denkt: »Hoffentlich knackt meine Bandscheibe nicht gleich in der Mitte durch.« Er reicht Inge seine rechte Hand. Das ist die, mit der er auf dem Bau früher den Hammer gehalten hat. Hat immer ganz gut geklappt; immerhin hat er‘s bis zum Vorarbeiter geschafft. Aber zugegebenermaßen war der Hammer auch nie so schwer wie Inge.

Ungebeten bekommt er schnippischen Beistand von seiner Martha: „Ja, Ingeborg, als Hermann und ich noch nicht verheiratet waren, hat er mich auch noch gestützt. Manchmal hat er mich sogar über die Schwelle getragen.“ Hermann denkt sich: »Da warst Du auch nichtmal halb so schwer wie heute, und dabei bist Du noch ein Fliegengewicht gegen Ingeborg.« und bereitet sich seelisch schon mal auf den nächsten Aufenthalt in irgendeiner Reha-Klinik vor. Diesmal wird er nicht schweigen, er wird sich nicht zurückhalten. Viel zu oft hat er geschwiegen, wenn die Therapeuten ihn schräg angesehen haben. Er wird einfach sagen: „Inge war‘s!“ Sollen die sich doch selbst überlegen, wie man das abrechnet. Ihm doch egal. Inge schaufelt bei den Kaffeefahrten eine Torte nach der anderen in sich hinein, und er hat‘s dann immer auszubaden. Kann ja wohl nicht sein, dass er sich immer irgendwelche dämlichen Entschuldigungen ausdenken muss, nur damit die ach so arme Ingeborg keine üble Nachrede kriegt. Und zum Dank soll er jetzt auch noch abgewrackt werden. Außerdem ist er mit Martha verheiratet und nicht mit Ingeborg.

Während Hermann noch wacker Ingeborgs‘ Hand stützt, werden seine schlimmsten Prophezeihungen zur bitteren Realität. Ingeborg taumelt, sie versucht, sich mit einer Hand ihre Perlonstrumpfhose auszuziehen. Es bleibt bei dem Versuch. Sie verliert das Gleichgewicht und kippt zunächst über Hermann und dann mitsamt diesem in den Gang. Von Hermann ist, außer diesem ausgiebigen Zischen, das sich anhört, als würde die Luft aus einer Luftmatratze gequetscht, und einem kleinen Knacken, eigentlich gar nichts mehr zu hören.Hermann liegt auf dem Rücken, mitten im Gang. Und auf ihm liegt Ingeborg. Hermann bewegt sich nicht, er wüsste nicht warum. Und Ingeborg bewegt sich auch nicht. Die kann nicht.

Der Bus fährt von der Autobahn ab und nimmt Kurs auf die Innenstadt. Der Fahrer nimmt auch etwas, nämlich die schützenden Tempotaschentücher aus seinen Ohren. Er beginnt damit, sich von der Reisegesellschaft zu verabschieden. Höflich wünscht er einen »Schön‘ Tach noch« und hat noch nicht bemerkt, dass Hermann und Ingeborg den anderen Reisenden gleich den Ausstieg versperren werden. Aber Gerda Tietjen, die hat das bemerkt. Gerda wohnt direkt neben Martha und Hermann. Sie teilen sich sogar die Tageszeitung. Reicht ja, wenn einer die bezahlt, und dann liest man eben nacheinander. Gerda schaut Martha an. Martha schaut Gerda an.

Martha zuckt mit den Schultern und meint: „Ach, das ist nur Ingeborg auf meinem Hermann. Da passiert nix.“ – „Wieso, passiert da nichts?“, fragt Gerda Tietjen. – „Hermann tut nur wieder so hilfsbereit. Darfst Du nicht so ernst nehmen.“ – „Und warum liegt er im Gang?“ – „Das ist nur, weil er mir die Abwrackprämie nicht gönnt.“ – » … ? … « – „Er macht hier auf großer Held, will zeigen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört.“ Wie auf ein Stichwort wartend passiert etwas. Aber weder bei Inge noch bei Hermann, sondern mit dem Bus. Der nämlich hält ganz plötzlich an. Nichtmal einen Seitenstreifen gibt es hier. Der eben noch freundlich bemühte Busfahrer schimpft und flucht und ist plötzlich in heller Aufregung. Er öffnet die Motorklappe. Der Bus steht, der Motor qualmt, der Keilriemen ist gerissen. Dabei ist der Bus doch fast neu. Keinen Meter wird er so weiterfahren. Man weiß bei diesen neumodischen Dingern ja nicht, ob man irgendwas kaputtmacht. Schließlich ist er Fahrer und kein Mechaniker. Kann man nur auf den Notdienst warten. Und das so kurz vor zuhause.

Plötzlich kehrt das Lächeln auf Hermanns‘ Gesicht zurück. Ingeborg wird ganz bange, als Hermann sich in Windeseile von ihrem Klammergriff befreit und ihr aus der laufmaschigen Perlonstrumpfhose hilft. Gerda sagt: „Donnerlüttchen, der ist aber stürmisch.“ Und Martha denkt sehnsuchtsvoll: »Hermann, Du Stier, so hab‘ ich Dich ja seit Ewigkeiten nicht erlebt.« Hermann rennt mit der laufmaschigen Perlonstrumpfhose zum Hinterteil des Busses. Der Busfahrer bestaunt dort noch immer den qualmenden Motor. Und Hermann sagt zu dem Busfahrer: „Darf ich helfen?“ – „Sie hat mir der Himmel geschickt!“ – „Nein, ich habe im Bus gesessen …“ – „Bis der Notdienst kommt und mit seinen Messgeräten den Fehler entdeckt hat, haben wir Stau bis Delmenhorst.“, nörgelt der Busfahrer. – „Das geht auch schneller.“, meint Hermann.

Er nimmt die Strumpfhose und bindet sie ganz fest um den Antrieb der Kühlwasserpumpe. „Das hab‘ ich bei meinem alten Käfer auch immer so gemacht. Damals, wenn wir nach Spanien gefahren sind und er in den Pyrenäen angefangen hat zu qualmen. Der hat uns nie im Stich gelassen. Musste nur irgendwann weg, weil er zu alt war. Ich hätte ihn lieber behalten.“ Auf das Gesicht des Busfahrers kehrt die Hoffnung zurück, die Senioren heute doch noch dem normalen Alltag überlassen zu dürfen. Er startet den Motor und der qualmt auch nicht mehr. Martha hat sich mittlerweile bis zu der Scheibe vorgearbeitet, von der aus sie Hermann besonders gut beobachten kann. »Und den wollte ich abwracken?«, denkt sie. »Das wird nix mit der Prämie. Wenn die vom Abwrackamt kommen, räumt er mir glatt das ganze Fach mit meinen Strumpfhosen aus und bindet die zusammen, um sich damit selber an seinen Fernsehsessel zu fesseln. Das ist ja unglaublich, welche Tricks mein Hermann noch so kennt, außer sich die Batterie aus dem Hörgerät zu nehmen!«

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