Jörn Petersen

Frau Schniebel

Frau Schniebel putzt die Treppe in der zweiten Etage. Möglichst lautstark, damit man ihren Fleiß auch ja nicht überhören möge. Ab und zu ein angestrengtes Stöhnen; könnte auch ein Seufzen oder Keuchen sein. Und ständig dieses Geklapper, wenn der Wischmop viel lauter als nötig gegen die Treppenstufen klatscht. »Also, das muss ja nun wohl wirklich nicht sein!«, brummt sie so leise vor sich hin, dass man es auch in der dritten Etage nicht überhören kann. »Es ist heller Tag und die Czepanskis machen trotzdem das Licht an. Dass das dann gleich zehn Glühbirnen sind, soweit denken die nicht. Typen gibt‘s …« Ein abschätziges Kopfschütteln, dann wischt sie mit einem alten Lappen den Handlauf des Treppengeländers hygienisch sauber.

Herr Mohrmann schlurft aus seiner Wohnung in der ersten Etage zum Briefkasten. Er ist zwar ziemlich alt und nicht minder langsam. Doch – wie jeden Morgen – schneller als der Briefträger. Zumindest steht er vor dem Briefkasten, bevor der Postbote etwas hineinwerfen konnte. Ging noch nicht. Der Postbote war noch nicht da. Also schlurft Herr Mohrmann die Treppe wieder hoch. Irgendwie ist das Geländer ein wenig feucht. Regnet es jetzt schon im Treppenhaus? Er wischt sich die Hände an seinem Bademantel ab und bemerkt so nebenbei, dass er sein Hörgerät vergessen hat. Von seiner Frau wird er gemaßregelt, » … sich gefälligst richtig anzuziehen, wenn er ins Treppenhaus geht!« Herr Mohrmann hört das nicht. Soll sie deutlicher sprechen; er ist schwerhörig. Kaum steht er wieder vor seiner Wohnungstür, klappern die Briefkästen. Der Briefträger. Ein schönes Geräusch. Herr Mohrmann geht dann mal.

„Na Walter, war schon Post?“, ruft Frau Schniebel die eine Treppe hinunter. Und Walter Mohrmann weiß genau, wie wenig Zeit ihm jetzt bleibt, mit dem Brief von der Gewerkschaft und dem Werbeschreiben der Krankenkasse zu knistern, um sie dann vor den neugierigen Augen von Frau Schniebel zu verstecken. „Ja, ein Brief von meinem Sohn. Ihm geht es gut!“, ruft er möglichst fröhlich. Frau Schniebel weiß nicht recht was sie antworten soll. Immerhin ist sie indiskret genug. War ja nicht zu überhören, dass der Sohn sein Leben schon seit Jahren hauptsächlich im Krankenhaus verbringen muss. Bittere Geschichte, aber man kann sich nicht immer auf solchen Argumenten ausruhen und das Treppenhaus dann so oberflächlich machen. Schließlich ist jeder mal dran. Also mit dem Treppenhaus und überhaupt. (fff.)

  • Diese Geschichte ist frei erfunden und entspricht reiner Fiktion. Ähnlichkeiten mit real existenten Personen, Namen, Ereignissen oder Schauplätzen sind weder beabsichtigt, noch entsprechen sie dem Willen des Autors …

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