Jörn Petersen

Frau Schniebel 3. Etage

Eigentlich wollte sie in gewohnter Routine die Wände abstauben. Sonst macht das ja keiner. Aber draußen hört sie Stimmen. Mit dem Putztuch als Alibi der Neugierde öffnet Frau Schniebel ein Fenster. Man weiß ja nie, was die Gören aus der Nachbarschaft wieder anstellen. Manche kommen nichtmal aus diesem Block. Was soll man davon halten, wenn fremde Kinder gerade hier spielen. Die sollen gefälligst vor ihrer eigenen Tür Dreck machen. Sie hat ja auch keine Lust, immer vor der eigenen Türe zu kehren. „Franz!“, ruft sie nach ihrem Mann. „Die Blagen aus der Hundertneun spielen schon wieder hier auf unserer Wiese!“ – „Ja, Martha.“ – „Bei aller Kinderliebe, können die nicht gefälligst zuhause spielen.“ – „Ja, Martha.“ – „Sag‘ nicht immer »Ja, Martha«. Geh‘ hin und regel‘ das! Schließlich bist Du der Mann im Haus.“ Und schon kommt Franz Schniebel wütend aus der Wohnung. Es ist so erniedrigend, immer wieder von der eigenen Frau herumkommandiert zu werden. Die spielenden Kinder kommen ihm wie gerufen. Die werden schon sehen, wer hier der Mann im Hause ist.

Währenddessen kommt Nadja Pilarczyk die Stufen runtergeklappert. Schon beeindruckend, dass man mit solchen Absätzen noch die Stufen treffen kann. Beim Gehen wackelt sie immer mit dem Hintern. Es drängt sich der Eindruck auf, sie weiß was sie tut. Tagsüber hört man Nadja Pilarczyk kaum. Da schläft sie. Zumindest bis ihre kleine Tochter Marija aus der Schule kommt. Dann ist sie für einen halben Tag aufopfernde Mutter. Vorbildlich, aus dem Kind soll ja mal was Anständiges werden. Den ganzen Tag zu arbeiten, das vereinbart sich mit der alleinerziehenden Verantwortung für ein schulpflichtiges Kind nunmal nicht. Abends hat die kleine Marija in ihrem Zimmer zu bleiben. Sie spielt mit ihren Stofftieren oder zieht ihren Puppen warme, geborgene Sachen an. Und zum Einschlafen hört sie all ihre Märchen. Von freundlichen Elfen, vom brummeligen Waldschrat und von der strahlenden Prinzessin. Aber natürlich setzt sie ihre Kopfhörer auf. Mama will das so. Mama stöhnt immer laut, wenn sie Männerbesuch hat. Und die Männer stöhnen auch. Mama sagt, Marija soll ja keinem davon erzählen. Aber von irgendwas müssen sie ja leben.

Nadja wird jetzt ihre Tochter von der Schule abholen. Das macht sie gerne mal. Die kleine Marija freut sich, wenn sie vor den Augen ihrer Freundinnen in die ausgebreiteten Arme der Mama rennen darf. Die treusorgende Mutter ist zwar ein bisschen spät dran. Aber das ist nicht schlimm. Marija hat es nicht so eilig nach hause zu kommen. Die Kleine beobachtet manchmal verträumt kleine Schmetterlinge, wenn‘s denn mal welche zu sehen gibt. Oder sie spielt mit anderen Kindern, wenn die einen Ball hin- und herwerfen. Sie spielt nur mit Mädchen. Zu Jungs hat sie nicht so großes Vertrauen. Naja, woher auch. Nadja braucht heute nicht lange nach ihrer Tochter zu suchen. Sie steht ja bereits direkt vor dem Haus. Hatte sich so gefreut, dass sie den Ball gefangen hat. Und dann kam plötzlich Herr Schniebel und schrie Marija und ihre Freundinnen an. „Habt Ihr immer noch nicht verstanden, dass Ihr hier vor dem Haus nicht mit dem Ball werfen sollt? Was glaubt ihr, warum hier Schilder stehen: »Ballspiele verboten«? Oder müssen wir das extra nochmal auf russisch schreiben?“ Herr Schniebel wird immer lauter. Hat sich doch eine ganze Menge Wut in ihm angestaut. „Spielt gefälligst bei Euch zuhause. Sollen sich Eure Eltern über den Krach ärgern.“ Marija wird ganz traurig. Wo soll sie denn hin. Sie ist doch hier zuhause. Und warum ist der Mann so laut und böse. Als er gestern abend bei ihrer Mama war, hat er nicht geschrien. Nur gestöhnt, wie all die anderen.

  • Diese Geschichte ist frei erfunden und entspricht reiner Fiktion. Ähnlichkeiten mit real existenten Personen, Namen, Ereignissen oder Schauplätzen sind weder beabsichtigt, noch entsprechen sie dem Willen des Autors …

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