Jörn Petersen

Tableau der Weltordnung

Posted in Tableau der Weltordnung by Jörn Petersen on Oktober 8, 2009

  • 17. August 2009 – 07:30 Uhr
Retten Retlaf

Retten Retlaf

Eigentlich ein wunderbarer Morgen. Die Blüten bereiten sich auf den bevorstehenden Herbst vor. Und dennoch spenden sie ausreichend Kraft und Nektar, um den vielfältigen Schmetterling »Retten Retlaf« auf seinem locker tänzelnden Arbeitsweg zu begleiten. „Hallo Sonne, wie scheint es Dir heute?“, ruft er in den Himmel, „Du warst mal wieder schneller als ich!“. Eine Antwort braucht er wohl nicht abzuwarten, die beiden haben da so ein stillschweigendes Verständnis. Retten plappert und die Sonne schickt ihm einen geborgenen Strahl. Dann nimmt er diesen Strahl und gibt all den Blüten am Rande seines Weges ein kleines Stückchen davon ab. Längst kennt er jede einzelne Blüte mit ihrem Vornamen. Manche ruft freundschaftlich: „Nicht so stürmisch, Retten!“ Er antwortetet: „Verzeihen Sie mir, Du schöne Blüte!“ und weiß insgeheim wie gut es ist, von irgendwem ein wenig gebremst zu werden. Schließlich muss er aufpassen, seine Frühstücksbrote nicht zu verlieren. Die hat seine Frau ihm voller Liebe in die Aktentasche gepackt. Mag sein, es ist so schön zur Arbeit zu gehen, weil das Heimkommen sich so toll anfühlt.

Ebiel Retlaf

Ebeil Retlaf

Er ist sehr stolz auf seine geliebte Ehefrau »Ebeil«. Sie ist auch eine Vielfältige. Eine farbenfrohe Ausländerin aus dem Wald auf der anderen Seite des großen Flusses. Neidvoll schauen die Eingeflogenen manchmal auf ihre exotische Schönheit. Und dann reden sie hinter ihrem Rücken über die »schillernde Fremde«. Neid ist nicht gut. Neid bringt Leid. Aber Liebe ist gut, und Retten liebt seine Frau sehr. Er kann sich noch sehr gut an ihre erste Begegnung erinnern: Damals flog er am Ufer des großen Flusses und genoss die Frühlingsblüten. Da sauste ihm diese wunderschöne Schmetterlingsfrau über den Weg. Sie neckte ihn ein wenig, und sein Verstand hatte sich sofort verabschiedet. Liebe auf den ersten Blick; sie tanzten im Wind um die Blumen und die Grillen spielten „Born to be wild“. Es war einfach wunderbar. Und es ist noch immer »wunderbar«. Aber wir schweifen zu weit ab.

Stolz ist er auch auf seine Eltern. Klar, wie jeder Geschmeidige waren sie bisweilen fehlbar in ihren Entscheidungen. Niemals aber waren sie fehlbar in der Liebe zu ihrem Sohn. Nach der großen Sturmkatastrophe waren sie in diese Gegend gezogen. Damals gab es Retten noch gar nicht. Lange her. „… Die von drüben!“, wurde hinter ihrem Rücken getuschelt. Sie gehörten nie wirklich dazu und hatten auch immer Schwierigkeiten, ihren Dialekt abzulegen. Sie dachten, »anders zu sein« bedeute im Reich der Vielfältigkeit etwas Besonderes. Schnell erkannten sie, dass immer andere entscheiden, was richtig, falsch oder anders ist. Dennoch, ein echter Retlaf lässt sich nicht entmutigen. Seither sind Jahre vergangen und Retten wird bestimmt bald selbst ein Vater sein.

Und er ist stolz auf seinen Beruf. Dass er aus ärmlichen Verhältnissen stammt, hat er sich vom Schicksal nicht gefallenlassen. Schließlich wollte er nicht als Blütenstaubträger der Befehlshaber versauern. Als kritischer Parlamentsreporter sitzt er jetzt jeden Morgen voller Neugierde am »Tableau der Weltordnung«. Was morgen in der Zeitung steht, erfährt er schon heute. Und nicht nur das. Was morgen in der Zeitung steht, hat er selbst geschrieben. Komisches, aufregendes Gefühl. Für Retten Retlaf kann alles bleiben wie es ist. Und dennoch: Am Ende dieses Tages wird nichts mehr so sein, wie es mal war …

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