Jörn Petersen

Curriculum vitæ

Posted in Am Anfang meines Lachens by Jörn Petersen on November 17, 2009

Gerade bei diesem Pamphlet über meinen Werdegang bin ich sehr gespannt,, wie lange man mir diesen „Dritte-Person-Quatsch“ glaubt. Eigentlich will man für sich selbst werben. Aber das ist peinlich. Man tut also einfach so, als schriebe diese Zeilen irgendwer anders. Und weil das selbstverständlich überhaupt niemand bemerkt, kann man ungebremst über sich selbst lobhudeln, bis sich die Balken biegen.

Lebensläufe, in denen man mit stolzgeschwellter Brust von jenem Tag erzählt (erzählen lässt … !), als man höchstpersönlich bei den Rolling Stones war. Dass – außer einem selbst – noch 59.324 andere Personen dabei gewesen sind und man die Band nur auf einem der riesigen Monitore sehen konnte, verschweigt man. Lieber prahlt man damit, Mick Jagger zugeprostet zu haben. Dass man dabei ungefähr 300 Meter von der Bühne entfernt war und ein übriggebliebener Althippie aus den 70er-Jahren bei »Jumpin‘ Jack Flash« aufsprang und man sich somit das Bier aus dem Plastikbecher über den eigenen Kopf goss, sowas erzählt man nicht.

Solcherlei Halbwahrheiten und Entgleisungen wird es hier natürlich nicht geben. Ich bin schließlich ein Held wie jeder andere. Misserfolge hat es nie gegeben. Peinlichkeiten blieben mir selbst und meinen Mitmenschen zeitlebens erspart, und ich stehe seit Jahrzehnten mit beiden Beinen fest in der Luft. In meinem Blog soll jedes Wort der Realität entsprechen. Alles muss stimmen. Ich lüge nie, und mein Name ist Pinoccio. Also, ich mach‘ dann mal.

  • Das Licht der Welt …

Irgendwie war da was, von „das Licht der Welt erblicken“. Aber ganz ehrlich, als Jörn P. 1963 auf die Welt kommt, ist es draußen stockduster. Mitten in der Nacht. Dumm gelaufen. Na, das geht ja gut los. Wie dem auch sei, Jörn ist stocksauer auf den Typen im weißen Kittel. Der hat ihm zur Begrüßung kräftig auf den Hintern gekloppt. Und das nur, weil Jörn auf dessen Frage „Na, wollen wir denn nicht atmen?“ nicht sofort sowas Nettes geantwortet hat, wie »Wart‘ einen Moment, ich nehm‘ gerade Anlauf.«

Vor dem Bett steht ein fast dreijähriger Rotzlöffel und glotzt ihn an. Er hält die Hand der älteren Dame, die ab jetzt »Oma« heißen wird. Sie soll in Jörns kommenden Jahren für das Backen von Kartoffelpuffern zuständig sein. Und beim Tante-Emma-Laden von Frau Albers wird sie ihm des öfteren für drei Groschen Leckereien kaufen, damit er nicht ständig schreiend auf dem Fußboden liegt oder sich mit Armen und Beinen an den Kaugummiautomaten klammert.

Jedenfalls sagt »Oma« zu dem glotzenden Kind: „Schau Frank, das ist Dein kleiner Bruder!“ – „Ja Gottchen, was glaubt Ihr denn?“, denkt Jörn. „Gerade eben auf die Welt gekommen. Da ist es wohl normal, dass man klein ist, oder?“ Jörn war eben von Anfang an sehr tolerant. Eigentlich hatte Jörn sich ja eher eine kleine Schwester gewünscht. Aber offensichtlich wird er mit diesem »Frank« vorlieb nehmen müssen. Und der schaut, als ob er gerade ein missratenes Weihnachtsgeschenk auspackt. Einfach mal dem Blick von dem Rotzlöffel standhalten, denkt Jörn. Solche Machtspielchen unter Brüdern muss man im Keim ersticken.

Eine knackige Krankenschwester betritt das Zimmer. Die will bestimmt zu Jörn. Hm, wohl nicht. Sie spricht mit der erschöpften Frau, auf deren Arm Jörn liegt und die ständig versucht, ihm ihren Busen in den Mund zu stopfen. „Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Sohn, Frau Petersen. Wie soll der Kleine denn heißen?“ Jetzt fängt die auch schon an: »der Kleine« … „Puppe“, denkt Jörn, „über diese Provokation reden wir noch, wenn ich erst groß bin!“

Die erschöpfte Frau ist bestimmt seine „Mama“. Jörn hat sie in den vergangenen Monaten ziemlich unterstützt. Er hat dafür gesorgt, dass sie nicht soviel schlafen musste, dass sie sich immer hinsetzen durfte, damit der Rücken nicht so schmerzt. Und auch dafür, dass „Mama“ mitten in der Nacht Heißhunger auf Gurken hatte. Aber natürlich nur dann, wenn gerade keine Gurken im Kühlschrank waren. Und statt für soviel Unterstützung dankbar zu sein, drückt sie ihm die Brust ins Gesicht und sagt: „Trink‘ schön, mein Sohn“ – „Endlich! Mama, Du bist cool.“, denkt Jörn. „Nennst mich nicht »mein Kleiner«. Du bist stolz und sagst »mein Sohn«. Mama, Du bist okay, Dich behalt‘ ich!“

In den kommenden Tagen überzeugte Jörn die ihn umgebenden Menschen mit konsequenter Lautstärke davon, dass es Angenehmeres als Jörns‘ Anwesenheit geben kann. Obwohl, in diesem blauen Säuglingsfürsorgeheft des Hauptgesundheitsamtes der Freien Hansestadt Bremen stand unter „Ärztliche Ratschläge“ als erster maßgeblicher Satz: »M u t t e r , s t i l l e D e i n K i n d !« Natürlich glaubte man zunächst, dies sei vielleicht ein Ratschlag hinsichtlich der Ernährung. Schnell wurde klar, es gibt durchaus auch akustische Aspekte. Die Ärzte suchten eine unbürokratische Lösung. Sie entließen 3.200 aufsässige und lebenshungrige Gramm nach hause. Ein durchaus zwiespältiges Ereignis. Einerseits sollte das nicht der letzte Rausschmiss seines Lebens bleiben. Außerdem hatte er ja keine Ahnung wo das sein sollte: Zuhause. Naja, Mama war ja bei ihm, die würde schon wissen, wo »Zuhause« ist.

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