Jörn Petersen

Eine fröhliche Melodie

Posted in Am Anfang meines Lachens, Humoreskes, Schröder - ein Mann unter sich, Skurriles by Jörn Petersen on Juli 6, 2010

Manchmal ist ihm das schon ein wenig unangenehm, aber er weiß nicht so recht, wie er damit umgehen soll. Er könnte auch darauf verzichten, aber wieso sollte er das tun. Er tut mit seiner Neigung ja keinem Menschen was zuleide. Andererseits, die anderen schauen ihn immer so merkwürdig an, als ob er nicht alle am Christbaum hätte, wenn sie an ihm vorbeigehen und er gerade fröhlich vor sich hin singt.

Heute hat er seine automatisch beste, weil einzige Krawatte aus dem Schrank geholt und sich so fein gemacht, wie‘s eben geht. Er ist das ja eigentlich nicht gewohnt. Aber heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute vor fünf Jahren hat er es zum erstenmal bemerkt. Zunächst war diese Erkenntnis nicht so einfach, aber dann hat er sich gedacht:

„Schröder, wenn das nun mal Deine Veranlagung ist, dann musst Du dazu stehen.“

Er wartete noch ein paar Tage, dann ging er zu seinen Eltern. Um die Situation ein wenig zu entkrampfen, hatte er für seine Mutter ein kleines Usambaraveilchen und für seinen Vater eine Schachtel Zigaretten gekauft. Und dann hatte er die beiden feierlich auf das große Sofa setzen wollen, was leider nicht ganz klappte, weil sein Vater sich nicht wirklich händchenhaltend neben die Mutter setzen wollte. Also setzte der Vater sich wieder auf den großen Ohrensessel und reichte der Mutter zwar nicht die Hand, aber immerhin einen Blick.

Mit pathetischer Geste schenkte Schröder seinen Eltern ein Glas Sekt ein, während seine Mutter ihn neugierig mit Blicken absuchte. Aber sie kam nicht darauf. Genauso würdevoll wie unsicher erhob Schröder sein Glas und sagte:

„Mutter, Vater, ich habe Euch hier zusammengerufen, um Euch etwas Wichtiges mitzuteilen.“

„Nun spann‘ uns nicht länger auf die Folter.“ sagte seine Mutter ungeduldig.

„Wieviel brauchst Du?“ fragte sein Vater.

„Mutter, Vater, ich weiß, es wird Euch nicht leicht fallen, das zu akzeptieren, aber Ihr habt mich das Licht dieser Welt erblicken lassen, und wenn Ihr mich liebt, wie man einen Sohn liebt, wird das, was ich Euch jetzt mitteilen werde, nicht zwischen uns stehen.“

Die Augen von Schröders‘ Mutter standen vor lauter Aufregung weit offen, wie ein Scheunentor. Was hatte das zu bedeuten? Hatte er in Las Vegas geheiratet, hatte er irgendwo eingebrochen, oder war er heimlich zur Marine konvertiert?

„Mutter, Vater!“ Schröder holte noch einmal ganz tief Luft, „Ich bin ein Sänger …!“

„Ein was?“ fragte seine Mutter

„Ein Sänger …!“

„Wieso das denn?“

Dass Singen so befreiend sei, erklärte Schröder seinen Eltern, und er eigentlich alles Mögliche singe. Dass er da nicht so festgelegt sei, das eher von seiner Stimmung abhänge. Kann schon mal was Klassisches sein oder ein Gospel oder ein Shanty. Obwohl, eigentlich steht er eher auf die alten Klassiker, wie »Born to be wild« und so.

„Aber Schröder … !“ seine Mutter nennt ihn immer beim Nachnamen, wenn es ernst wird.

Schröders Vater schaute nun höchst wichtig hinter seiner Brille hervor und sagte zu seiner Frau:

„Mensch, Hiltrud, lass den Jungen doch mal ausreden!“

Doch die war kaum zu bremsen: „Aber Junge, weißt Du, was Du uns damit antust? All die Jahre, und nun kommst Du und sagst, Du bist ein Sänger. Was meinst Du, wie ich mich jetzt beim Einkaufen fühle, wenn die Müller an der Kasse vom Supermarkt mich anglotzt. Und ich weiß dann genau, was sie denkt: »Die arme Frau, ihr Sohn ist jetzt auf der schiefen Bahn.« Ich meine, haben wir Dir nicht immer ein sauberes Zuhause geboten? Und jetzt sowas.“

„Mutter, bitte versteh‘ doch. Mein Leben lang‘ habe ich gewünscht, ich wäre ganz normal, wie alle anderen auch. Und ich habe ein Schattendasein gelebt. Kannst Du Dir vorstellen, wie das ist, wenn man sich vor sich selbst verstecken muss?“

Schröder wurde philosophisch:

„Mutter, ich werde nicht weiterhin das Leben eines Fremden leben. Ich will endlich ich selbst sein.“

Schröder wurde etwas direkter:

„Mutter, Vater, ob es Euch nun passt oder nicht: Ich bin ein Sänger!“

„Du kannst doch gar nicht singen.“ Schröders‘ Vater brachte es auf den Punkt. „Du hast Dich immer geweigert, Dir die Polypen entfernen zu lassen.“

Schröder sah das anders. Und zum Beweis setzte er gleich mit dem ersten Lied an. Sollte irgendwas Bekanntes sein, man will sein Publikum ja nicht gleich mit zu schwerer Kost überfordern.

„Mein Vater war ein Wandersmann …“, begann er seine Melodie zu trällern, wobei es mehr ein Sprechgesang war, weil Schröders‘ Stimme nun mal nicht mehr hergab.

„Was für‘n Lied soll das sein?“, fragte sein Vater.

„Ach Karl-Heinz,“ sagte die Mutter „das erkennt man doch sofort. Das ist doch dieses Lied von Walter Scheel, »Hoch auf dem gelben Wagen.“

»Nicht ganz,« dachte Schröder und startete einen weiteren Versuch. Vielleicht darf´s was von Rex Gildo sein, den kennen seine Eltern bestimmt noch:

„Hossa, hossa … !“ fing er an zu singen.

„Mensch, Junge, schrei‘ doch nicht so!“, sagte seine Mutter „Und außerdem, was heißt hier »Hossa«? Ich bin doch kein Pferd.“

Naja, es war wohl so, dass die Alten nicht jedes Stück kennen konnten, aber er ließ sich nicht entmutigen. Und schon schrubbte er den nächsten Gassenhauer:

„Highway to hell“. brüllte Schröder mal was Klassisches von AC/DC.

Das schien Schröders‘ Vater zwar nicht zu überzeugen, aber zumindest zu einer Entscheidung zu zwingen:

„Junge, Du bist mein Sohn, und Du wirst immer mein Sohn bleiben. Das sollst Du wissen. Und meinetwegen kannst Du sein, was Du willst. Das bleibt Dir überlassen. Aber solange Du die Beine unter meinen Tisch steckst, wird hier nicht so rumgejault.“

Irgendwie schien der Vater vergessen zu haben, dass Schröder mittlerweile 32 Jahre alt war und seit zehn Jahren nicht mehr zuhause wohnte. Schröder sparte sich einen Kommentar. Der Vater wurde pragmatisch:

„Also gut, wer weiß sonst noch davon?“ fragte er, mit diesem »Mal-unter-uns-Pastorentöchtern«-Unterton

„Nur der Pastor.“

„Gerade der.“, meinte Schröders‘ Mutter voller Entsetzen. „Jetzt weiß ich auch, warum der mich am letzten Sonntag in der Kirche so merkwürdig angeguckt hat.“ Schröders‘ Mutter begann leise zu schluchzen.

Aber sein Vater, ganz Herr der Situation, der ging zum rustikalen Wandschrank, um zwei von diesen dicken Notfallzigarren herauszuholen.

„Junge, setz‘ Dich, wir müssen reden!“

Sie hatten dann noch ein wenig geredet. Über den Sinn des Lebens und über den Sinn des nächsten Gehaltsschecks und so weiter. Aber in Wirklichkeit dauerte die Unterhaltung nicht so lange. Der Vater zündete sich selbst eine der Zigarren an und gab das lange Streichholz dann an Schröder weiter. Der tat, wie soeben gesehen, und nahm ein paar Züge. Und schon war ihm schlecht.

Die Mutter schaute den Vater verwundert an und fragte:

„Was macht er?“

„Er übt …!“

Nachdem Schröder ausreichend »geübt« hatte, machte er sich befreit auf den Weg und hinterließ ziemlich verwirrte Eltern, die sich mit der veränderten Situation nun erstmal abzufinden hatten.

Und jetzt, nach auf den Tag genau fünf Jahren, hat Schröder die Krawatte wieder um. Fünf Jahre, in denen er morgens eine Melodie in den Spiegel sprudeln konnte, ohne dabei in Personalunion von sich selbst zu denken: »Schröder, Du hast ´ne Vollmeise.«.

Natürlich ist man in der Öffentlichkeit zurückhaltender. Aber das ist ganz natürlich. Wer wird schon gerne dabei ertappt, wenn er singender- und hüpfenderweise über einen Hotelflur läuft. Oder wenn man zum Beispiel an einer Bushaltestelle steht, der Bus kommt, und die Tür geht auf, und die Leute schauen so verständnislos, weil man immer noch irgendein Volkslied singt. Das ist dann ja auch nicht so schön. Und genauso im Supermarkt, da ist das ja auch irgendwie behämmert, wenn man von den anderen ertappt wird, während man gerade vor sich hinsingt: »Ich nehme mir noch drei Kilo Kartoffeln, aber die festkochenden bitte.« Aber das ist ja alles ziemlich normal und soweit ist er mit sich ganz zufrieden.

 

Unbedarft steigt er in sein altes Auto, um heute diesen seinen ganz persönlichen Tag zu begehen. Sein persönlicher Tag der Selbsterkenntnis sozusagen.

„Selbsterkenntnis, hat der Pastor ihm gesagt, kommt von Kennen. Erkenne Dich selbst, dann erkennt Dich Gott.“

Schröder hat sich dann höflich beim Pastor bedankt und sich zum Kreuz gewandt. Dann hat er sich ehrfurchtsvoll bekreuzigt und gesagt:

„Guten Tag, mein Name ist Schröder!“

Aber gut, wir wollen mal nicht zu weit abschweifen. Wo waren wir? Ach ja: Er sitzt also im Auto und muss vor einer roten Ampel halten, fühlt sich mal wieder befreit und singt lauthals: „Born to be wild“.

Die Polizisten haben eine grundsätzlich andere Auffassung von »befreit« und laden ihn erstmal zu einer allgemeinen Verkehrskontrolle ein. Der Tonfall des Polizisten hört sich nicht danach an, als ob Schröder diese Einladung ablehnen könnte, und so ist der Grad seiner Freiheit wiederum ein wenig begrenzt.

Schröder denkt, jetzt kommt vielleicht eine dieser überstrapazierten Storys von Polizisten, die danach fragen: 

„Haben Sie alkoholische Getränke zu sich genommen?“

Und der Kontrollierte entgegnet dann meistens ziemlich affig:

„Nein, Herr Wichtelmann, welche sind denn im Angebot?“

Aber nein, die Story geht ganz anders:

„Wieso stehen sie an der Ampel und brüllen andere Menschen an?“ fragt der kleinere der beiden Polizisten.

„Ich habe gesungen!“ sagt Schröder.

„Nein, nein. So einfach kommen Sie aus der Nummer nicht raus. Ich weiß, was »Singen« ist … !“

 » … ? … «

„Und ich weiß ganz genau, dass direkt neben Ihnen ein Fahrradfahrer stand.“

„Und jetzt?“

„Jetzt steht er nicht mehr da!“

„Und was macht das Fahrrad hier?“

„Das hat er dagelassen.“

„Wo ist er hin“ Schröder meint, da kommen wohl Probleme auf ihn zu.

„Werfen Sie doch mal einen Blick in den Seitengraben. Da sehen Sie, was ein zu Tode erschrockener Fahrradfahrer von Ihrem Gesang hält.“

Der Größere der beiden Polizisten, ein wahrer Hüne seines Berufsstandes, will auch mal etwas sagen:

„Ich hab ihn.“

Und am ausgestreckten Arm hält er den tropfnassen Fahrradfahrer, den er aus dem Seitengraben gerettet hat. Schröder schaut ein wenig schuldbewusst und betroffen und sagt zu dem Tropfenden:

„Guten Tag, mein Name ist Schröder.“

Der Tropfende sagt nichts.

„Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben.“ Schröder versucht ganz einfühlsam zu sein. „Man hat ja nur vor den Dingen Angst, die man nicht kennt.“

„Ich kenne ihren Gesang nicht!“

Schröder fühlt sich schuldig. Kein Wunder, ist er ja auch. Der Tropfende zittert noch etwas und braucht sicherlich noch ein wenig freundlichen Zuspruch. Doch die beiden Polizisten werden zu ihrem nächsten – mindestens genauso wichtigen – Einsatz gerufen. Die können jetzt nicht freundlich zusprechen, schon aus Zeitgründen. Schröder übernimmt.

„Wissen Sie, das tut mir wirklich sehr leid, dass Sie Sich über meine Krawatte erschrocken haben.“, sagt Schröder.

Und der Tropfende denkt: »Die Krawatte war‘s nicht«“

„Die habe ich heute aus Jubiläumsgründen umgebunden. Auf den Tag genau vor fünf Jahren bin ich vor mich und meine Eltern getreten, habe ihnen und mir erklärt, dass ich ein Sänger bin, und seitdem fühle ich mich besser. Ich meine, ich kann die Krawatte ja wieder abmachen, wenn Sie Sich dann auch besser fühlen. Letztlich geht es ja um die Sache und nicht um die Verkleidung.“

„Ist wirklich nicht nötig.“ sagt der Tropfende.

„Was kann ich tun, damit es Ihnen wieder besser geht?“

„Sie könnten aufhören zu singen.“

„Wollen Sie vielleicht mit mir gemeinsam feiern?“

„Nur, wenn Sie nicht singen!“

Schröder überhört den bissigen Unterton des triefenden Radfahrers. Der hat das wahrscheinlich gar nicht so gemeint, ist nur von der Krawatte und dem Sprung ins kalte Wasser traumatisiert, oder wie auch immer das heißt. Man muss da ganz behutsam sein. Jede übersteigerte Emotion, jede Gefühlsspitze, könnte schlimmste seelische Schäden verursachen. Mit so einem Sensibelchen darf man nicht so grobklotzig reden, wie mit einem kleinen Bruder.

„Nun passen Sie mal schön auf!“ Schröder spricht davon, dass es keine große Party sein muss. Man kann ja auch ganz in Ruhe feiern. Wäre ihm eine Ehre. Und schließlich muss man daran denken, dass es dem Radfahrer noch nicht so gut geht. Aber immerhin, Schröder hat die Krawatte längst abgebunden. Langsam müsste der Tropfende sich schon wieder beruhigen. Unbeholfen, wie das bei Schröder durchaus mal vorkommen mag, sucht er nach irgendeiner Lösung:

„Vielleicht … ich meine, Sie könnten ein wenig dösen, und ich singe Ihnen zur Beruhigung ein kleines Schlaflied.“

Schröder bewundert schon sehr, dass der Radfahrer nahezu ohne Anlauf, einfach aus dem Stand, wieder zurück in den Seitengraben hüpfen kann. Sportlich, sportlich. Für Schröder ist das Rätsel jetzt gelöst. Ja, man muss eben genau hinsehen. Der Tropfende hat sich bei Schröders Ankündigung, gleich wieder singen zu wollen, die Jubiläumskrawatte in die Ohren gestopft und bestimmt Angst vor der Krawatte gekriegt. Da wäre Schröder auch in den Graben gesprungen.

Er wird mal hinterhergehen und fragen, ob er ihm ein Seenot-Rettungslied singen soll. Feiern können sie dann ja später immer noch …

 

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