Jörn Petersen

Eine Romanze

Posted in Am Anfang meines Lachens, Humoreskes, Schröder - ein Mann unter sich, Skurriles by Jörn Petersen on Juli 6, 2010

Die Männer haben es heutzutage nicht mehr so leicht, die Frauen mit gutem Benehmen zu beeindrucken. Konnte man der Dame früher noch galant die Tür aufhalten, so geh‘ doch heute mal in einen Supermarkt. Die Türen öffnen sich alle vollautomatisch. Was soll »Mann« da noch tun? Vielleicht kann er sich demonstrativ vor die Lichtschranke stellen und – wie ein Gladiator mit hochgezogenen Tennissocken und Sandalen – die Tür zähnefletschend daran hindern, sich zu schließen. »Mann« könnte diese Geste als aufopfernde Heldentat darstellen und somit seinen furchtlos errungenen Sieg über die Technik demonstrieren.

Dabei beobachtet wird »Mann« allerdings von dem Tabakwarenverkäufer am Kiosk, der sich durch die warnende Aufschrift auf den Zigarettenschachteln »Rauchen gefährdet Ihre Potenz« persönlich diskriminiert fühlt und der Bäckereifachverkäuferin, die nach jedem verkauften Brötchen » … Schön‘ Tach noch!« sagt. Die beiden werden voller Mitleid zur Tür blicken und die männliche Heldentat entwickelt sich zur gar nicht mehr so männlichen Peinlichkeit. Also wird »Mann« auf diese Form der Selbstdarstellung verzichten müssen. Eine weitere Balzmöglichkeit ist ausgerottet. Der größte Feind des Menschen ist nunmal der Mensch.

Ganz soweit hat Schröder nicht gedacht. Vielmehr hat er das Problem, soeben den Kampf der Kulturen zu erleben. Er hat von seiner Mama gelernt, der Dame des Herzens immer das schmeichelhafte Gefühl geben zu sollen, schöner, achtenswerter und weitaus intelligenter zu sein, als der Mann. Egal, ob‘s die lang ersehnte Frau oder die Mama ist. Frau Fathma hingegen hat mit der kulturellen Muttermilch aufgesogen, die Frau diene ausschließlich dem Manne und habe sich in angemessenem Abstand hinter ihm zu halten. Tatsache ist, Schröder steht mit dem Rücken vor der Lichtschranke des Supermarkteingangs; Frau Fathma steht in fünf Meter Entfernung vor der Tür und findet genau diesen Abstand »angemessen«. Festgefahrene Situation, der gemeinsame Einkauf scheint sich ein wenig in die Länge zu ziehen.

Sie kennen sich ja nun schon etwas länger. Die Idee, im Supermarkt für ein gemeinsames Barbecue einzukaufen, fand Frau Fathma nicht schlecht. Schröder meinte, das wäre doch schön. Sie könnte Fische angeln, während er die Picknickwiese deckt, den Grill vorheizt und die Mücken verscheucht. So hat er Frau Fathma gefragt, ob sie ihn zum Supermarkt begleiten möchte. Ist ja schön, die Selbstverständlichkeiten des Lebens miteinander zu teilen. Alltag für kulturelle Grenzgänger.

Zugegeben, da existiert dieses leichte »Abstandsproblem«. Indes Schröder sich mehr als der Typ »Hand-in-Hand durchs Vaterland« versteht, bevorzugt Frau Fathma die kulturelle Variante »respektvolle Distanz«. Beim Verlassen von Schröders‘ Wohnung schon das erste delikate Missverständnis: Indes Schröder vor sich hinplappert, was man denn für so einen zünftigen Grillnachmittag alles einkaufen muss, er die Tür abschließt, und schon fast auf der Straße steht, bemerkt er, dass Frau Fathma fehlt. Er wird sie wohl in der Wohnung vergessen haben. Hätte er besser nachdenken sollen. Aber die Lösung des Problems erschließt sich ihm nicht.

Wie soll das gehen? Wenn er die Wohnung verlässt, muss er die abschließen. Das ist nunmal so. Man weiß ja nie, wer so mit unrechtmäßigen Gedanken unterwegs ist. Bevor jedoch Frau Fathma durch die Tür tritt, – also nicht wirklich, sondern mehr bildhaft gesprochen – sind mindestens fünf Meter vergangen. Und jeder Zentimeter dieser Meter entfernt ihn weiter von der Möglichkeit, die Tür abschließen zu können. Bliebe vielleicht noch die Möglichkeit, sich selbst fünf Meter von der Tür zu entfernen, dann Frau Fathma durch die Tür kommen zu lassen und ihr anschließend den Schlüssel zuzuwerfen. Aber das funktioniert nach Frau Fathmas‘ Verständnis auch nicht: Tür-Abschließen ist Männersache!

Also hat Schröder sich was ausgedacht. so könnte es gehen: Er selbst also voran, lässt die Tür offen. Frau Fathma hinterher, lässt die Tür auch offen, Dann in gebührendem Abstand die drei Treppen hinunter. Und wenn sie auf der Straße angelangt sind, rennt Schröder einmal um das Haus, durch den Kellereingang, die drei Treppen wieder rauf, Tür abschließen und dann den ganzen Weg wieder rückwärts rennen. Außer Atem, aber abgeschlossen, wird er dann wieder vor Frau Fathma stehen. Und schon könnten sie zusammen zum Supermarkt gehen, ohne über Einbrecher in Schröders Wohnung nachdenken zu müssen.

Schröder hat das mal ausprobiert. Aber »funktionieren« fühlt sich anders an. Als er nach dem rasanten Weg durch die Kellertür wieder auf der Straße steht, ist Frau Fathma weg. Ach du scheiße. Muss er wohl erstmal suchen. Also wieder nach oben. Unbestritten, wenn man erst ein paarmal die Treppen bis zur dritten Etage rauf- und runtergerannt ist, kann das durchaus auf die Kondition gehen.  Egal, er muss Frau Fathma finden. Oben ist sie auch nicht. Schröder fühlt sich schon wie der Schlüsseldienst aus der Laienspielgruppe. Erst als er wieder in den Keller kommt, sieht er Frau Fathma dort stehen. Die ist ihm kulturell pflichtbewusst hinterhergerannt. Einfach hinterhergerannt, wie rührend. Und er hat das nicht bemerkt und hat ihr die Kellertür vor der verschleierten Nase wieder zugeschlossen. Immerhin, die Wohnung ist dicht. Jetzt müssen sie nur noch überlegen, wie sie das mit der Kellertür regeln.

Durchaus, man hätte die zwei Haltestellen zum Supermarkt auch mit dem Bus fahren können. Aber das war Schröder angesichts der jüngsten Ereignisse im Treppenhaus zu riskant. Was hätten die Leute denken sollen, wenn er in den Bus stiege und Frau Fathma im Sicherheitsabstand von fünf Metern hinter dem Bus hinterherrennen würde. Irgendwann ist der Glaube schließlich auch mal bei seiner Höchstgeschwindigkeit angelangt.

Naja, nun stehen sie hier, direkt vor dem Supermarkt. Beziehungsweise Schröder ist schon drin, wenn auch nur halb. Noch lehnt er mit dem Rücken an der Lichtschranke und bemüht sich, galant und charmant für Frau Fathma die Tür offenzuhalten. Einige der Supermarktkunden bedanken sich  für die höfliche Geste. Frau Fathma nicht, die steht wie angewurzelt und bewegt sich nicht. Die schaut auf Schröder und auf den Supermarkt.

Schröder befürchtet, die anderen Kunden glauben vielleicht, dies sei ein beschämender Trick vom Inkassodienst, ihn mit einem vermummten Beobachtungsposten zum Bezahlen der letzten vier GEZ-Rechnungen zu zwingen. Einfach mal irgendwo zur Peinlichkeit hingestellt, geradezu ein Mahnmal seiner Überziehungszinsen. Aber Schwamm drüber, jetzt nicht über Nebensächlichkeiten nachdenken. Sitzt er auch auch beim Fernsehen in der ersten Reihe; hier steht er direkt vor der Lichtschranke.

Also ist wieder Improvisieren angesagt. Auf seine galante Geste mag Schröder keinesfalls verzichten. Bevor sie jedoch hier gemeinsam durch die Tür schreiten würden, wäre entweder der Supermarkt geschlossen, oder aber das Gemüse für den Salat welk. Schröder nimmt also ein paar Säcke von der Grillkohle, die in dem Supermarkt immer im Foyer steht, und stapelt die vor der Lichtschranke. So wird die Tür wohl offenbleiben, ungefähr so, wie der Mund des Geschäftsführers, der nicht ganz versteht, was Schröder da macht. Das ist Schröder egal, man muss sich schon entscheiden, was einem im Leben wichtig ist. Und »gutes Benehmen« ist ihm ja nun wirklich wichtig, sozusagen ein Markenzeichen seiner Persönlichkeit.

Der Weg steht offen, Schröder spürt einen kleinen Triumph über die kulturellen Unwägbarkeiten erlangt zu haben. Er brüllt noch ein kurzes „Wir treffen uns in der Gemüseabeilung!“ in Richtung Parkplatz und betritt mit stolzgeschwellter Brust den Supermarkt.

„Was brauchen wir denn?“ brüllt Schröder quer durch die Haushaltswarenabteilung, in der er sich gerade befindet, bis in die Obst- und Gemüseabteilung, in der Frau Fathma sich gerade – immer respektvoll Abstand haltend – befindet. Frau Fathma antwortet nicht. Aber Schröder lädt schon mal die notwendigen Utensilien ein. Grillkohle, Grillanzünder, Grillzange,  Fisch-Aufschlitz-Messer usw.

„Am besten wickeln wir die Fische, bevor wir sie auf den Grill legen, in Allah-Folie ein.“ ruft Schröder. Ehrlich, das hat er nicht gewollt. Aber, was für ein Brüller: »Allah-Folie«. Er hat das wirklich nicht gewollt. Er klopft sich auf die Schenkel und der neben ihm stehenden Dame auf die Schulter, sodass die fast ins Spülmittelregal fällt: „Allah-Folie! … Verstehste? Der Hammer, wie ist eigentlich die Mehrzahl von »Allah«? Vielleicht »Alu«?“ Er kann sich gar nicht mehr beruhigen, nimmt eine Rolle Alufolie aus der Verpackung, benutzt sie als Waldhorn und trompetet eine fröhliche Melodie. Er ruft ein dreifach kräftiges »Allahli« und kriegt sich nicht wieder ein.

Vielleicht doch ein wenig pietätlos. Nur nicht übertreiben. Also widmet Schröder sich wieder dem eigentlichen Zweck des Supermarktbesuches und arbeitet seinen Einkaufszettel ab. Niemals wird er verstehen, weshalb das Plastikbesteck im Supermarkt immer so hoch im Regal liegen muss. Er kommt da nicht an. Aber er hat Glück, die nächste Gebetszeit steht bevor. Pünktlich um 13:31 kniet Frau Fathma sich – den Kopf betenderweise Richtung Osten geneigt – auf den Fußboden. Schröder steigt auf ihren Rücken, freut sich über diese islamische Trittleiter und erreicht problemlos das Plastikbesteck.

4,99 Euro für ein bisschen Wegwerfplastik erscheint ihm entschieden zu teuer. Vielleicht gibt‘s zwei Regalmeter weiter östlich preiswerteres Besteck. Beim Abstieg von Frau Fathma überhört Schröder respektvoll dieses kleine Ächzen. Um Frau Fathma nicht in ihrem Gebet zu stören, bemüht er sich zu schweigen und die gebührende Stille zu wahren. Man muss im Leben auch wissen, wann man den Mund zu halten hat. Wortlos und vorsichtig schiebt er Frau Fathma die besagten zwei Meter weiter durch den Gang und und klettert wieder die zwei Stufen ihres Rückens hoch.

Er nimmt das Besteck vom Haken und beginnt wiederum den Abstieg. Mit einem fröhlichen „Wir sehen uns dann auf dem Parkplatz!“, bedeutet er Frau Fathma, ihr Gebet stressfrei zu Ende führen zu dürfen. Er selbst freut sich sehr über die religionsfreie Zeitplanung seines Einkaufskorbes und auf den Grillnachmittag. Aber zunächst wird er mal überlegen, wie sie in angemessen distanzierter Gemeinsamkeit den Heimweg bewältigen können.

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