Jörn Petersen

Meldestelle

Posted in Uncategorized by Jörn Petersen on Juli 6, 2010

 „Sie werden mit »Schröder« aufgerufen.“ Schröder findet das gut, weil, was hätte er davon, mit »Lehmann« oder vielleicht »Rabenkötter« aufgerufen zu werden. Nicht, dass er was gegen diese Namen hätte, aber so heißt er nunmal nicht. Und man weiß ja auch nicht, ob nicht vielleicht noch ein weiterer »Rabenkötter« im Wartezimmer sitzt. Und wenn sie dann aufgerufen werden, weiß man nicht so genau, ob nun der echte oder das Plagiat gemeint ist. Also ist er ein wenig dankbar dafür, mit »Schröder« aufgerufen zu werden. Wenn dann nämlich noch jemand anderes aufstünde, könnte er ohne zu überlegen sagen: Jetzt komme ich, weil ich bin echt! Nicht, dass der andere nicht auch irgendwie echt wäre. aber nunmal nicht der »echte Schröder«. Es sei denn, er hieße vielleicht auch Schröder, dann würde die Angelegenheit ein wenig kompliziert.

Der Moment bietet sich förmlich zum Nachdenken an. Immerhin hat ihm die Dame von der Meldestelle am Telefon gesagt:

„Sie müssen Sich auf lange Wartezeiten einstellen; montags ist es immer voll.“

„Und dienstags?“

„Haben wir geschlossen.“

„Mittwochs?“

„Da haben wir vormittags von zehn bis zwölf geöffnet.“

„Vormittags muss ich arbeiten. Das geht nicht. Wie wär‘s mit Donnerstag?“

„Donnerstags nur mit Termin. In sechs Wochen, um viertel nach neun hätten wir noch einen frei.“

„Wie gesagt: vormittags muss ich arbeiten. Ich brauche den Ausweis spätestens am Samstag. Bleibt wohl nur der Freitag.“

„Ja, das geht, aber da müssen Sie bis zwölf Uhr hier gewesen sein. Sie wissen schon: Gleitzeit! Nach zwölf sind die meisten Kollegen im Wochenende.“

Die ungeschminkte Realität besteht für Schröder darin, sich heute, am Montag, in das Wartezimmer der Meldestelle setzen zu müssen und sich auf  »… eine Wartezeit von etwa zwei Stunden einzustellen«. Naja, man hat ja sonst nichts zu tun. Nun hat er sich eingestellt. Er wartet darauf, dass ein gewisser »Schröder« aufgerufen wird. Das ist dann er!

Es ist, wie man es aus angstbeseelten Zahnarztpraxen kennt: Zwar teilen die Menschen im Wartezimmer das gleiche Schicksal, aber keiner spricht mit dem anderen. Schweigend betreten die nächsten Personen den Warteraum. Ein kurzes, flüchtiges Kopfnicken. Schröder ist der Einzige, der jeden einzelnen mit nettem Handschlag begrüßt. Man möchte ja nur freundlich sein.

„Guten Tag, ich heiße Schröder … !“

„ … ? … „

„Wie geht es Ihnen? Wir haben uns lange nicht gesehen.“

„Nein, eigentlich noch nie.“

„Ist das nicht verblüffend, dass wir uns endlich mal über den Weg laufen?“

„Wieso?“

„Ja, ich meine, ich bin 32 Jahre alt und habe Sie noch nie gesehen, obwohl wir in der selben Stadt wohnen.“

„Wissen Sie, junger Mann, diese Stadt hat fast 550.000 Einwohner. Da kann‘s schon mal passieren, dass man den einen oder anderen noch nie gesehen hat. Es ist sogar ziemlich wahrscheinlich.“

„Ja, aber ist das nicht wunderbar, sich nach so langer Zeit endlich kennenzulernen. Und das bei so vielen Menschen in dieser Stadt.“

„Ja, sicher …“, entgegnet der ältere Herr genauso gelangweilt wie verwundert und sucht sich einen Platz. Schröder ruft ihm noch hinterher: „Man kann sich ja jetzt ruhig mal öfter treffen, wo wir uns schonmal kennengelernt haben. Dann können wir uns über gemeinsame Bekannte unterhalten. Kennen Sie zum Beispiel »Rabenkötter«?“

„ … ? … „

„Nein? Naja, ich eigentlich auch nicht. Aber das hätte durchaus passieren können. Angenommen, man hätte mich hier nicht mit »Schröder« sondern mit »Rabenkötter«  aufgerufen, dann wären wir wahrscheinlich beide gleichzeitig aufgestanden und hätten uns  kennengelernt.“

Der ältere Herr versteht kein Wort. Hilfreich sprudelt Schröder drauflos.

„Ich hätte Ihnen den Rabenkötter vorstellen können. Und dann hätten wir auch mal was zu dritt unternehmen können.“

Der ältere Herr weiß sich keine andere Rettung mehr, als seine Nase schnellstens in einer Zeitung zu stecken. Selbst wenn es ihm ein wenig unangenehm ist, bei der Lektüre der »Frau im Spargel« erwischt zu werden.

Schröder ist wachsam, merkt sofort, was da nicht stimmt: „Sagen Sie, soll ich Ihnen vielleicht meine Brille leihen? Ich meine, jetzt, wo wir uns so gut kennen. Sie halten die Zeitung ja verkehrt herum.“

Naja, der ältere Herr hat in Windeseile wahllos irgendeine Zeitung aufgeschlagen und stumpf hineingestarrt. Zumindest kann man locker mutmaßen, wie wichtig ihm die Fakten dieser hochwertigen Illustrierten sind.

„Nein, vielen Dank. Es geht schon. Ich muss mich nur ein wenig konzentrieren.“, sagt der ältere Herr, in der Hoffnung  auf Schröders‘ Verständnis.

„Oh ja, das versteh‘ ich. Dann lasse ich Sie jetzt mal einen Moment in Ruhe lesen.“

Der ältere Herr ist erleichtert. Die Normalität dieses Tages scheint wieder hergestellt zu sein. Schröder genießt die Wartezeit und schaut ein wenig aus dem Fenster.

Im Gegensatz zum tristen Ambiente des Wartezimmers ist es draußen schon sehr schön eingerichtet, da kann man sich nicht beschweren. Die Frühlingsblüten zeigen sich in voller Pracht, und immer wenn jemand wegen der Hitze ein Fenster öffnet, knallt Schröder es sofort wieder dicht.

Schneidet man seinen Mitmenschen die frische Luft ab, werden die durchaus ein wenig ungnädig.

„Mensch, nun machen Sie doch endlich ein Fenster auf. Bei der stickigen Luft geht man ja ein!“, wird Schröder von einem Mann zurechtgestutzt, der so aussieht, als käme er direkt vom Fließband einer Fahrzeugfabrik. Blaumann, Sicherheitsschuhe und immer alles besser wissen.

Schon beginnt Schröder mit einem grandiosen Vortrag, über die Gefahren einer Pollenallergie. Wenn der Heuschnupfen extrem wird, muss man womöglich Kortison schlucken. Das schwemmt das Gewebe auf, man bekommt Wasser in die Beine und kann sich kaum bewegen. Und das nur, weil man auf diese prächtigen Farben der frühblühenden Geranien hereingefallen ist. Nicht, dass er schon Heuschnupfen hätte, nein. Aber man könnte ihn ja bekommen, wenn man nicht aufpasst.

Weder den Fließbandarbeiter noch die sonstigen Wartezimmerinsassen scheint der Vortrag sonderlich zu beeindrucken. Schröder gibt sich vorerst geschlagen und bindet sich als Notfallprofilaxe sein allergrößtes Taschentuch vor die Nase. Er traut sich nicht mehr, das sensible Thema der frühblühenden Aggressoren nochmals anzusprechen. Aber immerhin, er traut sich – nach bereits vergangenen zwei Stunden und sechsunddreißig Minuten – zaghaft bei der Information nachzufragen, wann denn er an der Reihe sein möge.

„Sie stehen gar nicht auf unserer Liste. Sind wohl vergessen worden.“, sagt die Dame am Empfang, ohne irgendwelche Anzeichen von Reue. Sie sieht mittlerweile ganz anders aus als heute mittag. Da war sie irgendwie dicker und kleiner. Die Haare hatte sie auch anders. Mag sein, es ist sogar eine andere.

„Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz! Sie werden als einer der nächsten aufgerufen.“ Das beruhigt. Wenige Momente später ertönt auch wirklich aus dem Lautsprecher über der Wartezimmertür ein adrenalinfreies

„Herr Schröder bitte Zimmer 216“. Lang erwartet, ungeduldig erhofft, aber im völlig falschen Augenblick. Äußerst unpassend, er gibt‘s ja zu, doch er verspürt diesen Druck, kann‘s nicht ändern. Genau jetzt ruft der getrunkene Kaffee danach, wieder entsorgt werden zu wollen. Schröder stellt sich auf einen Stuhl, weil er ansonsten nicht groß genug ist, und ruft in den Lautsprecher:

„Moment, ich komme gleich!“ Der Lautsprecher antwortet nicht.

Schröder schaut noch mal kurz zu dem Herrn mit dem Fließbandgesicht, der mittlerweile ein ziemlich hydraulisches Schnaufen an den Tag legt.

„Sorry, geht nicht anders.“, sagt er mit entschuldigender Gestik, zuckt unbeholfen mit den Schultern und ist auch schon verschwunden. Ergibt sich die Schwierigkeit, zunächst zwei Etagen nach einer geöffneten Toilette durchsuchen zu müssen. Aber nachdem Schröder dieses Problem souverän innerhalb von zehn Minuten gemeistert hat, stellt er sich mit erleichterter Seele auf den Stuhl und ruft in den Lautsprecher:

„Ich bin wieder da.“

Zeitlich passend, als wollte der Lautsprecher sich mit ihm unterhalten, tönt ein erneuter Aufruf in Schröders Ohr:

„Herr Schröder, bitte Zimmer 216!“

Schröder begibt sich zu eben jenem Zimmer 216, klopft höflich an und wird von einem netten, mit Anzug und Krawatte perfekt gekleideten Herrn hereingebeten. Mehr so die Abteilung »Dressman«, nicht unbedingt von der Evolutionsstufe »Verwaltungsbeamter«.

„Guten Tag Herr Schröder, mein Name ist Rabenkötter. Was kann ich für Sie tun?“

„Rabenkötter? Herr Rabenkötter, sind Sie‘s wirklich?“

„Ja sicher, was ist daran so ungewöhnlich?“

„Also, »ungewöhnlich« ist das nicht. Abgesehen davon,  dass ich wegen Ihnen den ganzen Tag vergebens hätte gewartet haben können.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Naja, als ich mich bei der Dame am Empfang angemeldet hatte, sagte sie mir, ich werde mit »Schröder« aufgerufen. Stellen Sie Sich vor, sie hätte mich mit »Rabenkötter« aufgerufen, da hätte ich nicht die geringste Chance gehabt, weil der Rabenkötter – nämlich Sie – sitzt ja schon im Zimmer, bevor ich überhaupt aufgestanden bin. Und noch viel schlimmer: Sie sind nichtmal aufgerufen worden, weil ich ja mit »Schröder« aufgerufen wurde; und trotzdem sind Sie vor mir da. Unglaublich …!“

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