Jörn Petersen

Vermummter Rücken

Posted in Uncategorized by Jörn Petersen on Juli 6, 2010

Ein wenig Angst hat er schon vor den Pollen. Während die anderen im Wartezimmer der Meldestelle die Fenster aufreißen, bindet Schröder sich ein schützendes Taschentuch vor die Nase und spürt sofort diese absolute Zugehörigkeit zu Frau Fathma. Die schöne Unbekannte sitzt auf dem Stuhl in der westlichen Ecke des Warteraumes und starrt konsequent gen Osten. Mag auch sein, sie schaut einfach aus dem Fenster, das kann man nicht so genau beurteilen. Denn von ihrem komplett verhüllten Gesicht ist – außer den Augen – nichts zu erkennen.

Wäre schon interessant, so einiges aus Frau Fathmas‘ vermummter Welt zu erfahren. Was für eine Art Ausweis wird das sein, den die verhüllte Schönheit hier beantragt hat. Womöglich hat sie ihren Führerschein bestanden. Und jetzt kommt sie, ihn abzuholen. Mag sein, sie macht zunächst einen höflich-zurückhaltenden Knicks und frühestens im Fahrstuhl – wo sie niemand sieht – einen freudigen Luftsprung. »Schaka, geschafft …!« Dann setzt sie sich vielleicht in das bereitstehende, knallrote 12-Zylinder-Cabriolet, startet den röhrenden Motor und lässt sich auf der Autobahn mal so richtig den Fahrtwind durch den Schleier pusten.

Oder es kann auch sein, Frau Fathma hat einfach einen Personalausweis beantragt. Schröder fragt sich, wie das wohl funktionieren mag. Wie jede andere wird sie ein Passbild vorlegen müssen. Und die Frau von der Meldestelle kontrolliert dann, ob die Person auf dem Foto und die Person hinter der Verschleierung identisch sind. Könnte sich ja sonst jeder den Kopf einwickeln und für irgendwen einen Ausweis beantragen. Stellt sich die Frage, welche Art von Foto für den Personalausweis von Frau Fathma sinnvoll erscheint. Darf‘s eins mit Gesicht sein, oder vielleicht lieber nur der Schleier?

Das sind alles absurde Ideen. Das ist Schröder durchaus bewusst. Man muss da einfach auf dem Teppich bleiben. Er steigert sich da in irgendwelche Utopien hinein. Was soll sie schon beantragen. Kindergeld, Aufenthaltsgenehmigung, Sozialhilfe, irgendwas in der Art. Das kennt man doch. Ist ja nicht das erste mal, das irgendwer erst verschleiert über die Grenze hüpft, um anschließend vom Sozialstaat zu leben.

Wenige Momente später kommt eine Mitarbeiterin der Meldestelle zu Frau Fathma. Sie sagt: „Bitteschön, Frau Fathma, hier ist Ihr Angelschein. Viel Spaß damit und Petri Heil!“ Frau Fathma bedankt sich in akzentfreiem Deutsch und Schröder ist verblüfft. Er traut sich nicht den Mund aufzumachen, als Frau Fathma mit ihrem Angelschein den Raum verlässt.

Er schämt sich für seine Gedanken, was für eine Frau, und wirft einen melancholischen Blick aus dem Fenster. Mit dem Taschentuch tupft er sich die Nase und die frühblühenden Geranien scheinen nur noch halb so gefährlich. Irgendwie geht ihm Frau Fathma nicht aus dem Kopf. Hätte er sie doch nur angesprochen. Die Chance hat er wieder mal verpasst. Er ärgert sich über sich selbst. Schließlich hätte er sogar ein Gesprächsthema gehabt. Mal ehrlich, Frau Fathma hat ihn doch förmlich angebettelt sie anzubaggern. Das mit dem Angelschein, war doch eine Steilvorlage.

Er hätte nur ehrlich sagen müssen, wie gerne er frischen Fisch isst. Am allerliebsten frische Fischstäbchen oder Rollmops. Er stellt es sich sehr, sehr romantisch vor, mit Frau Fathma am Baggerteich zu sitzen und vielleicht die Dose mit den Würmern zu halten, während sie gefühlvoll vermummt einen Fisch nach dem anderen aus dem Wasser zieht und ihm mit ihren zarten Fingern und einem weniger zarten Knüppel auf den Schädel haut. Also natürlich auf den Schädel von dem Fisch und nicht auf den von Schröder.

Unterdessen er so vor sich hinträumt und aus dem Fenster schaut, sieht er Frau Fathma da unten an der Bushaltestelle stehen. Schröder, wenn nicht jetzt, wann dann? Er ist ganz aufgeregt, all seinen Mut zusammennehmend wird er jetzt da runterrennen. Dann wird er sagen:

»Hallo Frau Fathma, ich heiße Schröder.« Vor Aufregung wird er nicht nur über seine eigenen Füße, sondern auch über seine Worte stolpern und sowas plappern, wie »Ich würde Sie gerne wiedersehen! Vielleicht könnten wir uns mal an einen Teich setzen. Ich würde dann Ihre Hand halten. Und wir könnten zusammen in die Stille des Sonnenaufgangs schauen, nur das romantische Gezwitscher der erwachenden Vögel und der morgendliche Berufsverkehr auf der Autobahn A27«. Solche Momente lassen sich nicht planen. Ihm wird schon etwas einfallen, wenn er erst vor ihr steht.

Soeben will er nach draußen zu Frau Fathma rennen, da ertönt aus dem Lautsprecher über der Wartezimmertür ein adrenalinfreies „Herr Schröder bitte Zimmer 216“. Lang erwartet, lang erhofft, aber im völlig falschen Augenblick. Schröder stellt sich auf einen Stuhl, weil er ansonsten nicht groß genug ist, und ruft in den Lautsprecher:

„Moment, ich komme gleich!“ Der Lautsprecher antwortet nicht.

„Ich kann gerade nicht.“ Längst hat Schröder vergessen, aus welchem Grund er in der Meldestelle sitzt.

„Ich muss mal eben zu Frau Fathma!“ Schröder wartet die Antwort aus dem Lautsprecher nicht ab. Er rast in Windeseile die Treppen hinunter. Drei Etagen ohne nennenswerte Blessuren, auch nicht schlecht. Er hastet aus der Tür und rennt in Richtung Bushaltestelle. Verhüllter Rücken kann auch entzücken. Frau Fathma kann ihn nicht sehen. Die hat, wie gewohnt, den Blick Richtung Osten gewandt, denn von dort kommt der Bus. Vom Scheitel bis zur Sohle tiefschwarz verschleiert, sieht er die vermummte Schönheit dort stehen. Sie hat ihn noch nicht erkannt. Wie denn auch. Aber er wird sich nicht mehr bremsen. Schon steht er hinter ihr. Er atmet tief durch und tippt ihr auf die Schulter.

„Frau Fathma, ich bin so froh, dass Sie noch nicht weg sind!“ Schröder senkt seinen Kopf, traut sich in seiner Schüchternheit nicht, Frau Fathma ins Gesicht zu sehen, und greift vorsichtig nach ihrer Hand. Ist ein wenig rau, vermutlich von der vielen Küchenarbeit.

„Frau Fathma,“ sagt Schröder kniend und voller Pathos „ich habe mich in Sie verliebt!“ Zu Schröders‘ Erstaunen zieht Frau Fathma die Hand sofort wieder weg. Schröder lenkt seinen Blick in Richtung ihrer Augen. Aber das sind nicht ihre Augen. Die gehören irgendwem anderes. Ach Du Scheiße. Schröder schaut in das vollbärtige Gesicht eines russisch-orthodoxen Priesters. Die Ähnlichkeit mit Frau Fathma ist verblüffend, wenigstens von hinten.

„Richten Dich auf, mein Sohn!“, sagt der Priester, und Schröder hält das für eine gute Idee, ist ihm ja auch irgendwie unangenehm.

„Weiß ich nicht, warum Du mich nennen »Frau Fathma«, und weiß ich auch nicht, von welcher Religion Du angehören. Aber bei unser Religion können Du nicht in den Priester verlieben!“ Schröder hat die Vermutung, dass Frau Fathma einen anderen Bus genommen hat …

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