Jörn Petersen

Vertrau‘ mir mein Papa

Posted in Erziehung, Pädagogik, Pubertät by Jörn Petersen on Dezember 12, 2010

Chance oder Chaos – Pubertät bei Jungen

Vertrau’ mir mein Sohn

An all die Momente mit seinem Vater kann Julian sich noch gut erinnern: Sie hatten ein beeindruckend vertrauensvolles Verhältnis. Da gab es diese unglaubliche Situation mit der Garage: Damals, Julian war gerade vier Jahre alt, wohnten sie in der Nähe einer Schule, dahinter ein großer Sportplatz mit Fußball-, Basketball- und Footballfeld. Julian und sein Vater nutzten oft die Zeit, wenn der Papa von der Arbeit kam, kickten auf einem der Plätze mit einem Fußball und rannten sich fröhlich lachend die Seele aus dem Leib. Der Vater war stolz auf Julian und Julian war stolz auf seinen Vater. Beide spürten das. Und jeder, der die beiden beobachtete, sah das. Am Rande des Rasens stand eine hohe Garage als Lagerschuppen für die Bälle der Spieler. Julian übte, zugegebenermaßen noch etwas unbeholfen, den Ball so hoch wie möglich zu schießen. Und so landete der Fußball irgendwann auf dieser Garage und wollte nicht wieder runterfallen. Julian war ein kleiner Draufgänger. Er kletterte auf Papas’ Schultern und von dort aus auf das Garagendach, um den Ball zu holen. Aber auch „kleine Draufgänger“ sind nicht ohne Angst. Erst als Julian dort oben stand, erkannte er, wie hoch eine Garage sein kann. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er von dort wieder herunterkommen sollte. Sein Vater zeigte weder Besorgnis noch Unruhe. „Papa, ich komm’ hier nicht wieder runter“, sagte Julian. „Vertrau’ mir!“, antwortete sein Vater. „Papa, was soll ich tun?“ – „Schau’ auf gar keinen Fall nach unten.“ – „Und jetzt?“ – „Julian, ich bin hier. Spring!“ Julian sprang, ohne zu Zögern, und das nicht etwa vorsichtig mit den Füßen voran. Wie ein Vogel, mit ausgebreiteten Armen, sprang er seinem Vater vertrauensvoll in die Arme. Der Vater fing ihn auf. Julian hatte keine Sekunde daran gezweifelt.

Inzwischen ist Julian 14 Jahre alt; ein Gymnasiast, auf dessen Gesicht sich unerklärliche Wut, Reizbarkeit, ein erster Bartflaum und so manche Pickel breitmachen. Seit zwei Jahren bemerkt er diese Veränderung, die in ihm vorgeht. Und er versteht selber nicht, warum das so ist. Vor seinem Zimmer stehend brüllt er seinen Vater in gereiztem Tonfall an: „Du mit Deinen beknackten Weisheiten, Du kannst mir gar nichts! Ich scheiß’ auf die Schule. Die Lehrer sind ohnehin nur dazu da, uns bei Problemen zu helfen, die wir ohne sie gar nicht hätten. Wozu soll ich Dinge lernen, die ich in meinem Leben nie wieder brauche?“ Und dann tritt er noch einmal nach: „Du hast in Deinem Leben doch gar nichts gerafft. Wie kommst gerade Du auf die Idee, mir Vorschriften machen zu wollen.“ Der Vater versucht, seine feucht werdenden Augen zu verstecken. Männer weinen nicht. Er würde diese Debatte gerne beenden, sie einfach wegwischen. Wo ist der Julian geblieben, den er kannte. „Julian, wir sind immer fair miteinander umgegangen.“ – „Und die Mama hast Du auch fair abserviert?“ – „Du weißt genau, dass die Mama sich von mir getrennt hat.“ – „Und? Hast Du von ihr auch immer so unsinnige Dinge verlangt, wie von mir?“ – „Was verlange ich von Dir Unsinniges?“ – „Ich darf mich nicht anziehen, wie ich will. Ich darf meine Musik nicht so laut hören, wie es mir gefällt. Ich darf nicht so lange schlafen, wie es mir passt. Verdammt, das ist mein Leben, ich weiß überhaupt nicht, warum Du dich da einmischt.“ Um den Sinn seiner unsinnigen Worte zu unterstreichen, knallt Julian die Tür seines Zimmers mit aller Macht und Lautstärke dicht.

Gewiss, Julians’ Vater könnte die Zimmertür nun geschlossen lassen, das einfach so hinnehmen und sich einreden: »Der beruhigt sich schon wieder«. Aber das käme einer verschlossenen Tür zur Seele seines Kindes gleich. Offensichtlich tobt und wühlt die Pubertät des vormals zutraulichen und teils anschmiegsamen Kindes auf Hochtouren. Völlig unvermittelt und ohne große Vorwarnung hat die Natur das Kind auf die Suche nach seinem zukünftigen Selbst geschickt. Die Natur fragt nicht, ob der Junge von gestern zum Mann von morgen werden will. Sie macht das einfach. Diese Phase kommt unangekündigt, und bevor man sie richtig begrüßen kann, steht sie wie die unbequeme Tante aus Amerika vor der Tür und lässt sich nicht mehr rausschmeißen. Eines ist mal sicher: In Zukunft wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Unbekannte Körperlichkeit

Etwas ganz Direktes und Unmittelbares passiert mit dem Teenager. Eine Veränderung, die ihn stolz und unsicher zugleich macht. Ihm erscheint das wie eine Mutation seiner eigenen Körperlichkeit. Ist ja eine tolle Sache, größer und männlicher zu werden. Aber man hätte die Entscheidung doch gerne selbst getroffen. Aber der Reihe nach: In unserem Kulturkreis setzt die Pubertät bei den Jungen etwa mit dem 12. Lebensjahr ein. Ein konkretes Datum gibt es nicht. Sie ist nichts anderes, als der körperliche und seelische Reifeprozess auf dem Weg zur Fortpflanzungsfähigkeit. So unterschiedlich wie die Heranwachsenden selbst, ist auch der Beginn und Verlauf der Pubertät. Zumeist kündigt sich diese Phase mit einem sprunghaft schnelleren Wachstum des Körpers an. Der Junge kann beobachten, dass nun die Hoden größer werden und der Hodensack eine dunklere Färbung bekommt. Irgendwo hat er möglicherweise gehört oder gelesen, die Hypophyse erteile den Organen vermehrt den Befehl zur Produktion des Geschlechtshormons Testosteron. Diese biologische Theorie interessiert ihn aber momentan herzlich wenig. Und dieses Dingsda, dieses Testosteron, kann er weder greifen noch fühlen oder sehen. Viel bedeutsamer ist für ihn die Ausbildung der sichtbaren und sekundären Geschlechtsmerkmale. Es zeigt sich die erste Schambehaarung und der Bartwuchs setzt ein. Etwa ein Jahr nach dem Beginn der Pubertät beginnt der Penis zu wachsen. Der Stimmbruch lässt manchmal die Stimme über sich selbst stolpern. Nach einiger Zeit erlebt der Junge dann das erste Ejakulat. Selbst in der Forschung ist es bislang nicht letztgültig geklärt, wodurch dieser erste Samenerguss ausgelöst wird. Bekannt ist, dass hormonelle Zusammenhänge in dieser Zeit eine vermehrte Drüsenstimulanz bewirken. Irgendwann sind die Nebenhoden und Samenleiter so gefüllt, dass der Körper sich entladen muss; möglicherweise verbunden mit sexuellen Fantasien und Träumen oder mit Selbstbefriedigung. Ab diesem Zeitpunkt ist der Junge potenziell zeugungsfähig, wenngleich der erste Samenerguss wenige bis gar keine Spermien enthält. Soviel zur simplen Theorie der Äußerlichkeiten.

Jeder Erwachsene sollte sich jetzt eines vor Augen halten: Diese Veränderungen sind so unfassbar, so überwältigend und beeindruckend; eine schier unglaubliche Leistung, die der Körper zu vollbringen hat. Die kann den heranwachsenden Jungen nur verunsichern. Die kann nur Angst machen. Ihr Sohn befindet sich auf einer körperlichen Reise, dessen Ziel er nicht kennt. Die Größe und Bedeutung dessen, was die Natur da von ihrem Jungen verlangt, ist höchstens vergleichbar mit seiner Geburt. Er braucht jetzt Ihre Unterstützung. Wie überall gilt aber auch hier: Der Mensch hat nur vor jenen Dingen Angst, die er nicht kennt. Und spätestens hier müssen die Väter aufwachen. Denn jeder Vater kennt das. Also kann er seinem Sohn helfen. Immerhin hat er diesen naturgegebenen Automatismus in seiner Jugend selbst durchleben dürfen. Er entstammt einer Generation mit weitaus enger gefassten gesellschaftlichen Konventionen, für die es nicht üblich war, offen über Sexualität zu sprechen. Pubertät aber bedeutet Sexualität und ist – »damals« mehr als heute – schambehaftet! Aufklärung wurde selten genug mit der ihr gebührenden Natürlichkeit besprochen. Die Erziehenden versuchten ihren Kindern stotternd und mit hochroten Köpfen dieses doch so schöne und hoffentlich gefühlvolle Thema zu vermitteln. Die meisten Heranwachsenden erfuhren aus den gestellten Kolumnen der Teenagerzeitschriften mehr als von ihren eigenen Eltern. Sexualität hatte nicht nur etwas Verborgenes, sondern sogar etwas Verbotenes. Intimität wurde zum Versteckspiel. Das alles hat der Vater miterlebt. Sein Sohn wird nun die gleichen Fragen haben, wie er selbst sie damals hatte. Und genauso wenig, wie früher der Vater, ist, der Sohn dazu imstande, diese Fragen zu formulieren und zu sagen: „Du, hör mal, mit mir passiert da was, kannst Du mir das erklären?“ Also, Vater, sprich’ mit Deinem Kind! Ganz sicher wird es nicht alle Deiner Antworten verstehen. Aber es wird verstehen, dass es nicht alleine ist.

Der Zwiespalt auf dem Weg zum Mann

Möglichweise noch komplexer als die körperliche, ist die seelische Veränderung und Neuorientierung. Wie werde ich sein; wie gebe ich mich; wie verstehe ich mich selbst? Die Jungen trifft das ungleich zwiespältiger als die Mädchen. Durfte das kleine Mädchen gefühlsbetont, empfindsam, und zart sein, wird es daran nichts ändern müssen. Eigenschaften, die innerhalb unserer Gesellschaft einem Mädchen zugestanden werden, stehen in keinerlei Widerspruch zu seiner künftigen Weiblichkeit. Mädchen dürfen sich gewissermaßen geradlinig und linear entwickeln, ohne sich in ihrer Eigendefinition infrage stellen zu müssen. Ganz anders aber beim Jungen. Der niedliche Junge und der starke Mann, die haben außer ihrem Geburtsdatum nicht mehr viel miteinander zu tun. Die Selbstfindungsphase der jungen Männer schwankt zwischen extremen Kontrasten. Klar, der männliche Habitus wird als geradlinig gesehen, direkt und ohne Umschweife. Die Pubertät der Jungen ist aber nicht rudimentär, nicht einfach oder simpel. Sie ist skurril, bizarr, vielschichtig und auf selbstverständliche Weise auch unberechenbar.

Die Eltern verstehen ihr eigenes Kind nicht mehr. Wobei man sich – wollte man Erbsen zählen – eigentlich fragen müsste, ob sie es jemals verstanden haben. Der turbulente Testosteronspiegel sorgt in diesen Zeiten ohnehin für bisweilen schwer zugängige Gedanken. Und all jenes, was den Eltern doch bislang so wichtig war, scheint dem Kind plötzlich unwichtig zu sein. Schule, Fairness, Anstand. Und dann kommen die daher und sprechen von Ausbildung, Zukunftsperspektiven, Respekt und solcherlei dem Teenager in diesem Moment geradezu widerwärtigen Dingen. Das interessiert den Sohn von gestern nicht mehr. Der Sohn von heute hat weitaus Wichtigeres zu tun. Für so was hat er jetzt einfach keine Zeit. Das müssen die doch verstehen.

Auf der seelischen Startlinie der männlichen Pubertät treffen mindestens drei Triebfedern aufeinander: Abgrenzung, Eigendarstellung und Sexualität. Ihr Sohn wird sich nun selbst neu erfinden. Für ihn ist die Zeit gekommen, sich wie die ehemals unscheinbare Raupe aus dem Kokon zu schälen, um bald voller Stolz in diese unbekannte und doch so interessante Welt zu stolpern. Um sich aber selbst neu begreifen zu können, um sich mit einem selbstbestimmten Ideal vor sich selbst präsentieren zu können, muss er sich zunächst einmal abgrenzen: Abnabelung von all jenen, die bislang über ihn und seinen Werdegang bestimmen durften. Immer und überall steht zwischen den Zeilen: „Bis hierhin hast Du mich erzogen – jetzt erziehe ich mich selbst.“ Dass Abgrenzung nicht einfach ist, liegt in der Natur der Sache. Immerhin verlangt das danach, anders zu sein, und zwar „anders“ als all das, was dem Jungen bislang an Werten vorgelebt wurde und vor allem auch „anders“ als seine Vertrauensperson, die ihm diese Werte vorgelebt hat. Selbstverständlich ist das keine lapidare Willenserklärung „… ich mach’ dann mal“, möglicherweise noch per Handschlag. Abnabelung funktioniert so nicht. Ganz im Gegenteil ein radikaler Prozess nimmt hier seinen Anfang. All das streitfreie Getue der vergangenen Jahre ist dem Jungen jetzt zuwider. Er will die Normen seiner Eltern abschütteln. Er sagt unsinnigste Dinge, er provoziert Konflikte. Mit stimmigen Argumenten ist er schon deshalb nicht zu beruhigen, weil die ja den Konflikt selbst wieder aushebeln würden. Wohlgemerkt, Ihr Sohn macht all das nicht vorsätzlich oder gar böswillig. In seinem Testosteron-Taumel weiß er nicht mal wirklich weshalb er all das macht. Noch viel schlimmer: Ihm ist nicht mal klar, dass vor diesem Weg hin zu sich selbst, zunächst der Weg weg von seinen Vertrauenspersonen führen muss. Und weil er ein Mann wird, muss er sich umso mehr von seinem Vater entfernen, bis er sich in aller Eigenständigkeit wieder nähern kann.

Klar, abgrenzen kann er sich in Äußerlichkeiten. Diese Äußerlichkeiten haben Signalcharakter. Man zeigt mit seiner Kleidung, mit seiner Frisur, mit Piercings, Tattoos oder ähnlichen Dingen ja nicht nur, dass man zu einer Gruppe gehört. Mindestens genauso deutlich erklärt man damit, zu irgendeiner Konvention nicht mehr dazugehören zu wollen. Das wird aber von Generation zu Generation ungleich schwerer, zumal so ziemlich alles schon mal in irgendeiner Form da gewesen ist. Was sollen sie denn machen, wie sollen sie provozieren und schockieren, wie sollen sie eigenständig und selbstdefiniert sein, ohne lediglich als Plagiat vergangener Zeiten dazustehen? Mit langen Haaren oder zerrissenen Klamotten lässt sich nicht mehr schockieren. Die aus den 60er- und 70er-Jahren stammenden Eltern, haben diese Phase selbst erlebt. In den Fotoalben der meisten Eltern fliegen noch Bilder herum, auf denen sie wie Dennis Hopper auf einem Motorrad sitzen oder auf einem Festival kiffender Weise die Mähne fliegen lassen. Über die Jeans, die so tief hängen, dass die halbe Unterhose sichtbar ist, können die Rebellen der 68er-Generation nur müde lächeln. Das soll Rebellion sein? Es fällt immer schwerer, notwendige Provokation jeden Tag neu zu erfinden. Kurze Haare oder gar Glatze? Unsere Geschichte zeugt in bedrückenden Fakten davon, dass diese Form der Eigendarstellung nichts Neues ist. Oder darf’s vielleicht ein zuckerverklebter Punkerschnitt sein? Selbst das erzeugt bei den Erziehenden nur noch ein unmotiviertes Gähnen, denn auch die ehemals nietenbespickten Punker mit Leggins und Springerstiefeln sind in die Jahre gekommen.

Bliebe vielleicht noch die Variante, sich – wie das seit den 50er- und 60er-Jahren immer wieder der Fall war – über den Musikgeschmack zu definieren. Musik hören, die den Alten möglichst verhasst ist, und durch die sie die eigenen Werte und Erziehungsziele gefährdet sehen. Aber bitte, wir wissen doch alle, wie wenig rebellisch sich die gegenwärtigen Musikstile zeigen. Auch in der Musikkultur wird kaum noch neu erfunden, sondern vielmehr längst Vorhandenes schnelllebig gecovert. Die Beatles und die Stones lärmten Anfang der 60er; das legendäre Woodstock Festival gab er erstmals 1969 und das Wacken Open Air existiert auch schon seit über 20 Jahren. Zwischen Hip-Hop, Reggae, Dancefloor und Death Metal gibt es in der Medienwelt kaum noch Spannendes, das die Haare der Eltern zu Berge stehen ließe. Eigentlich schade. Hinzu kommt die Unzuverlässigkeit der Idole. Gerade im Zeitalter der Reizüberflutung ist das Problem nicht etwa, dass es keine Idole gäbe. Schwierig zeigt sich vielmehr die Schnelllebigkeit der Zeit. Kaum haben die Kids sich einem der Medienhelden verschrieben, ist der auch schon wieder von den Leinwänden verschwunden. Der Pubertierende hat kaum eine Chance, sich dauerhaft an der zweifelhaften Medienpräsenz eines Menowin, eines Kübelböck oder irgendwelcher selbst ernannter Lebenskünstler aus dem Big-Brother-Haus zu messen. Die Prominenz all derer ist von so kurzer Dauer, dass sie allzu meist nicht mal eine Saison überdauert.

Der künftige Mann wird nicht nur von sich selbst und seiner Eigenwahrnehmung gemessen, sondern vor allem von Gleichaltrigen, die zwar die gleichen Probleme haben, das aber ebenso wenig zugeben wie er selbst. Eigendarstellung heißt immer auch Außenwahrnehmung. Und in der Clique ist für wahre Individualität nicht viel Platz. Das Naturgesetz der Sozialisation heißt: Der Stärkere gewinnt! Das Klischee der Männlichkeit ist in der jugendlichen Ellbogengesellschaft geprägt von Stärke, Härte und Durchsetzungsfähigkeit. Und diesem Klischee sind zeitgemäß gesellschaftliche Konventionen nun mal völlig gleichgültig. Der Junge wird sich als Mann im Kreis seiner Kumpels beweisen müssen, wenn er weiterhin akzeptiert werden will. Filigrane Fähigkeiten, emotionale Empfindsamkeit, intellektuelle Leistungen, all das entspricht aber nicht dem Männerverständnis der pubertierenden Kumpels. Die fordern vielmehr Imponiergestik und Kampfbereitschaft, Lautstärke und Machogehabe. Im schlimmsten Fall fordern die auch Brutalität. In diesem Moment können Sie nur hoffen, ihrem Sohn das Urvertrauen und die Stabilität seiner ersten Jahre gegeben zu haben. Sie können hoffen, ihn nicht ausschließlich in seinem Wünschen und seinem Rollenbild unterdrückt zu haben, ihm nicht nur mit Vorschriften tradierter Forderungen nach Respekt begegnet zu sein. Denn jetzt – soviel ist sicher – wird er sich auf irgendeine Weise durchsetzen. Die Frage ist nur wie. Haben Sie ihm Fairness nicht nur befohlen, sondern ihm die auch vorgelebt, wird er jetzt in der Lage sein, Machogehabe von Mobbing gegen vermeintlich Schwächere zu unterscheiden. Immer wieder ist zu beobachten, dass Jungen aus schwierigen familiären Verhältnissen ihre männliche Grundangst mit Aggressionen, ersten Jugenddelikten oder Übergriffen gegen Mädchen kompensieren. Die Möglichkeiten, negative Aufmerksamkeit zu erlangen, sind endlos. Und sie werden gerade von den pubertierenden Jungen auch genutzt. Wer sich nicht durchsetzen kann, begeht oftmals eine Flucht in depressives Verhalten, in Gewalttätigkeit, in Alkohol- oder gar Drogenkonsum. Für den Vater heißt das ganz deutlich: Fragen Sie sich nicht erst jetzt, was sie für Ihren Sohn auf seinem Weg zum Mann tun können. Er braucht die männliche Orientierung und er braucht den Vater, der zu Gefühlen steht und der ihm direkt in die Augen sieht. Sein Weg beginnt mit dem ersten Atemzug.

Vielfach versucht der Junge bis zur beginnenden Pubertät seinen Vater zu kopieren, sofern der denn vorhanden und greifbar ist. Mit der erwachenden körperlichen Reife begreift das Kind den Vater allerdings zunehmend als Feind und Kontrahenten. Das hat nicht nur den Grund, dass das Kind sich in diesem Häutungsprozess gegen die männliche Autorität zwangsläufig auflehnen muss, um eigenbestimmt zu sein. Die Feindschaft hat eine viel bedeutsamere, tiefenpsychologische Erklärung: Sobald die Sexualität in dem pubertierenden Kind erwacht, sucht es seine Orientierung in der Wirkung auf das weibliche Geschlecht. Die Ungewissheit dessen, was Sexualität bedeutet, ist dermaßen groß, dass die libidinösen Fantasien zunächst auf die am nächsten stehende weibliche Bezugsperson projiziert werden: die Mutter! Wahrscheinlich ist sogar, dass zum Zeitpunkt der erwachenden hormonellen Aktivität unterbewusste Erinnerungen aus dem Zeitraum vor der infantilen Amnesie – also den Erinnerungen des zwei- bis dreijährigen Kleinkindes – wieder zum Vorschein kommen. Üblicherweise ist die Mutter die erste Person, die dem Neugeborenen durch ihre Körpernähe ein gewisses Urvertrauen gibt. Die Mutter hat vermutlich das Baby an ihrer Brust gesäugt, hat ihm mit ihrer Haut, ihrem Atem und ihrer Stimme die wichtige menschliche Wärme und Sicherheit gegeben. Sie war auch die erste weibliche Person, die das Kind in seinen allerjüngsten Jahren in irgendeiner Form erogen berührt hat, ohne dass dahinter Inzest-Gedanken stünden. Und sei das nur beim Waschen, Baden oder Wickeln. Der Vater ist aber derjenige, der von der Mutter zum Fortbestand der Familie gewählt wurde und dessen Genetik sich weiter im Sinne der Evolution durchsetzen darf. Also ist der Vater unterbewusst ein Konkurrent um die Gunst der Mutter und um die Vorherrschaft im Sinne der biologischen Vererbungsstruktur. Auffälligkeiten sind immer wieder bei Kindern zu beobachten, die ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Mutter erleben oder deren Mütter sich eher egoistisch verhalten.

 

Schon lautet das Thema unter Kumpels: „… hast Du schon mal?“ Die Mädchen in der Klasse, beim Baden oder in der Disco sehen viel schärfer aus als früher. Einerseits nimmt er sie ganz anders wahr; andererseits hat auch für die Mädchen der pubertäre Balztanz begonnen. Die zeigen plötzlich Haut, laufen geschminkt und aufgebrezelt durch die Gegend. Selbstverständlich reizen sie ihn in seinen erotischen Wünschen und Fantasien. Er sehnt sich nach den ersten sexuellen Erlebnissen; er wünscht sich, zum ersten Mal mit einem Mädchen zu schlafen. Kein Wunder, immerhin hat die Natur die Geschlechtsreife nicht erfunden, um damit bis nach dem Studium, dem Hausbau oder zumindest der Volljährigkeit zu warten. Die Natur hat seine Eltern nicht gefragt, ob sie das darf, und er wird das auch nicht tun. „Das Erste Mal“, ihm steht ein Erlebnis bevor, das ihn sein Leben lang begleiten wird  – sei es romantisch, zärtlich und liebevoll oder einfach nur triebhaft, vielleicht unter Alkoholeinfluss oder mit dem Gefühl des Verbotenen. Die Eltern sollten sich nicht einbilden, die Sexualität ihres Kindes unterbinden zu können. Die Frage, ob der pubertierende Sohn mit einem Mädchen schlafen darf oder nicht, stellt sich einfach nicht. Und in welchem Alter er das zum ersten Mal erleben wird, hat nichts mit der elterlichen Erziehung zu tun. Da geht es schlichtweg um die Chance der Möglichkeiten: Wie lange wird es dauern, bis er eine Freundin findet, die diesen Moment mit ihm erleben möchte. Oder wann ergibt sich für ihn die Gelegenheit für einen One-Night-Stand, ein kurzes erotisches Abenteuer. Er ist bereit. Vielleicht hat er den Eltern zwischen den Zeilen mal einen Hinweis gegeben, dass da irgendwas mit ihm passiert. „Wahrscheinlich bringe ich Jenny nach der Party nach Hause, damit ihr unterwegs nichts passiert. … Ich weiß wirklich nicht, was dann passiert.“ Der pubertierende Sohn hat Ihnen einen Wink gegeben, Ihnen diesen Zaunpfahl förmlich um die Ohren gekloppt. Noch deutlicher geht es nicht. Sie können das überhören, ihm mahnende und ablehnende Ratschläge mit auf den Weg geben. Das wird seine Intimität in eine Ecke des Verbotenen treiben; dabei möchte er doch die schönste Sache der Welt erleben. Der pubertäre Gernegroß hat kein Interesse daran, die ersten Intimitäten in irgendeinem nächtlichen Fahrstuhl oder einer schmuddeligen Partyecke zu erleben. Sinnvoller ist es sicherlich, hinzuhören und sich mit ihm auf natürliche Weise zu unterhalten. Gerade der Vater kann seinem Sohn mit Gesprächen dabei helfen, zwischen gefühlvoller, romantischer Sexualität und schalem, nur oberflächlich empfundenen Sex zu unterscheiden. Denn er ist es, der mit seinem Sohn gemeinsam in die Apotheke gehen kann, um ihm die ersten Kondome zu besorgen; er ist es, der die jugendliche Sexualität nicht als Tabuthema verschweigen oder als verbotenes Monstrum verteufeln darf. Ja, und letztlich ist er es, der seinem Sohn vermitteln kann, dass das Medienbild von „Sex sells“ nichts mit wahren Emotionen zu tun hat.

Wie helfe ich meinem Sohn

Julians’ Vater hat die Tür nicht verschlossen gelassen. Dieses »Der beruhigt sich schon wieder« würde keinem von beiden wirklich weiterhelfen. Er hat sich entschlossen, die – wenn auch extrem schwierige – Auseinandersetzung zu suchen. Problematisch wird es selbstverständlich sein, den eigenen Enttäuschungen und Verletzungen zu widerstehen, sie einfach nicht zuzulassen, weil der Erziehende doch aus eigener Erfahrung, aus der größeren Lebenserfahrung und letztlich aus der Liebe zu seinem Sohn weiß, dass sein Sohn ihn gerade in diesem Moment am allermeisten braucht. Mag das auch in völligem Kontrast zu seinem Verhalten stehen, mag diese unreflektierte, zanksüchtige Provokation an den Haaren herbeigezogen sein; von seiner Vertrauensperson jetzt ein Desinteresse oder ein egoistisches Schmollen zu erfahren, wäre das Schlimmste, was dem Sohn passieren könnte. Der Sohn weiß nicht, was mit ihm geschieht, und sucht nach einem Lebensweg, dessen Ziel er nicht kennt. Der Vater muss jetzt imstande sein zu differenzieren. Wenn es sein Wunsch ist, sein Kind als selbstständigen Menschen in dieser Welt zu wissen, dann ist es seine Pflicht, genau jetzt über seinen Schatten der Ich-Bezogenheit zu springen. Julians Vater ist dazu bereit. Ihm ist klar, dass es für die Pubertät allenfalls Tipps und Ratschläge, keinesfalls aber eine Bedienungsanleitung gibt. Sicherlich wird er vieles falsch machen, wenn er jetzt in Julians Zimmer geht. Aber nichts könnte verkehrter sein, als nichts zu tun. Wenn er diese Ratschläge wenigstens teilweise beherzigt, hat er für seinen Sohn schon sehr viel getan:

Begegnen Sie Ihrem Kind immer auf gleicher Augenhöhe, je früher desto besser. Bereits ein Kleinkind versteht die Körpersprache, möglicherweise sogar auf seine rein intuitive Art und Weise viel besser als die Erwachsenen. Was für einen Grund sollte es geben auf seinen kleinen Gesprächspartner herabzublicken, nur weil man vielleicht zwei- bis dreimal so groß ist. Wenn Ihr Kind Sie verstehen soll, dann tut es das zunächst mit den Augen. Sich in die Augen zu blicken, schafft Ehrlichkeit und Vertrauen. Was spricht dagegen, sich zu seinem vierjährigen Sohn zu knien, sodass er Ihre Worte, Ihre Mimik und Ihr Vertrauen wirklich erleben kann? Ein objektiver Größenunterschied schafft immer auch eine gewisse Unterwürfigkeit. Beweisen Sie bereits Ihrem kleinen Sohn, dass er Sie aufgrund Ihrer Worte, Gefühle und Gedanken akzeptieren kann und nicht aufgrund der körperlichen Überlegenheit. Aus der Überlegenheit der Größe sind Sie irgendwann herausgewachsen. Er wird mit Ihnen dann genauso umgehen, wie Sie es schon in seiner jüngsten Kindheit mit ihm gemacht haben.

Erweisen Sie Ihrem Kind den gleichen Respekt, den Sie auch für sich wünschen. Geben Sie ihm nicht mit der einzigen Begründung: „Dafür bist Du noch zu jung“ das Gefühl von Minderwertigkeit. Das setzt „jung“ mit „dumm“ gleich. Schon klar, eigentlich wollen Sie Ihren Sohn beschützen, ihm vielleicht deswegen das eine oder andere noch nicht zumuten. Und so haben Sie das nicht gemeint. Aber die Übersetzung, die Ihr Sohn sich selber liefert, lautet anders: „Ich werde nicht wahrgenommen.“ Er hat das Gefühl, in seiner eigenen Persönlichkeit, seinen durchaus schwierigen und manchmal unglaublich komplizierten Gedanken nicht gesehen zu werden. Ganz so, als würde er in einen luftleeren Raum hineinbrüllen und kein Mensch könnte ihn hören.

Zeigen Sie in sämtlichen Auseinandersetzungen, dass es ausschließlich um die Sache geht und keinesfalls um einen verletzenden Angriff seiner Persönlichkeit. Seine Identität ist noch zart und verletzbar. Die Wortwahl darf niemals lauten: „Du bist dumm, schlecht, faul, vergesslich …“ Stattdessen muss immer ganz deutlich herauszuhören sein. „Dein Verhalten ist für mich nicht in Ordnung, weil …“. Nichts ist in sich grundsätzlich falsch. Ihr Sohn sucht nach den Polen seiner Realität. Zweifellos hilft ihm eine persönliche verbale Erniedrigung überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Auch wenn vielleicht das Verhalten Ihres Sohnes für Sie kaum mehr verständlich ist, ist es immer möglich, darin etwas Positives zu erkennen. Der amerikanische Psychiater Dr. Eric Berne entwickelte bereits in den Fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts die Theorie der Transaktionsanalyse, die sich grundsätzlich mit dem Kommunikationsverhalten befasst. Erstmals ist darin die Rede vom Eltern-Ich. Berne unterscheidet das kritische Eltern-Ich, das keine konstruktive Auseinandersetzung sucht, sondern vielmehr mit Drohungen und Ermahnung reagiert, vom unterstützenden Eltern-Ich, das sich vielmehr in Ermutigung, Schutz und Helfen-Wollen äußert. Ihr Kind benötigt jetzt diese Unterstützung.

Ein Kind – erst recht ein pubertierendes – hat das Recht, Fehler zu machen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Stellen Sie ihn nicht als denjenigen dar, der ohnehin nur alles falsch, kaputt oder unbedacht macht. Die Sichtweise sollte vielmehr sein: „Gut – weil falsch!“ Du hast die Gelegenheit, aus Deinen Fehlern zu lernen. Nutz’ die Chance! Dass jeder Mensch Fehler macht, wissen Sie nur zu genau. Sie sind alt genug. Ihr Sohn hat diese Chance der Jahre noch nicht gehabt. Er muss seine Erfahrungen erst noch sammeln. Und die sind nun mal immer auch von Fehlern begleitet. Die Dualität des Lebens lässt sich nicht nur in Erfolgen lernen. Stellen Sie sich vor, Ihr Sohn würde in der Schule jahrelang nur allerbeste Noten schreiben, und plötzlich hagelt es zum ersten Mal „Null Punkte“. Wenn Sie ihm bislang nicht zugestanden haben, Fehler machen und erfahren zu dürfen, wird er damit kaum umgehen können.

Ohne Frage, ganz sicher wird Ihr Sohn über seine Grenzen springen, sinnfreie Attacken starten, sich unfair äußern, sich im Tonfall vergreifen. Sie wissen schon jetzt, dass er gar nicht anders kann, zumal er für seine Entwicklung nach diesen Reibungspunkten suchen muss. Und wenn es manchmal einfach keine logischen Reibungspunkte gibt, dann wird er sich künstliche schaffen. Der Leidtragende sind oftmals Sie. Nicht weil er Sie zerstören will, sondern weil er seinen Vater liebt. Er kann sich nur mit den Personen wirklich streiten, denen er absolut vertraut. Zeigen Sie ihm ruhig, wie verletzt Sie sind. Auch Männer dürfen weinen. Zeigen Sie ihm auch, dass seine Worte immer irgendeine Konsequenz nach sich ziehen. Nehmen Sie ihn beim Wort. Aber lassen Sie Debatten und verbale Kämpfe zu. Weichen Sie diesen notwendigen Katastrophen nicht aus. Sie sind der Stärkere – nicht weil Sie intelligenter oder muskulöser sind. Einfach nur deshalb, weil sie die Erfahrung der Jahre mit sich herumtragen, die ein pubertäres Kind sich erst noch erkämpfen muss.

Verlangen und erwarten Sie Konsequenz. Soviel Verständnis wie möglich, soviel Konsequenz wie nötig. Wohlgemerkt, Ihr Sohn ist auch in der Pubertät noch ein Kind. Und dennoch ist er schon ein Erwachsener. Er befindet sich nun zwischen zwei vollkommen konträren Welten. Er verlangt keinesfalls danach, jetzt völlig losgelassen zu werden. Auch wenn sein Verhalten das bisweilen vermuten ließe. Weiterhin braucht Ihr Kind Strukturen und Orientierung. Er befindet sich in einem kritikfähigen Alter und wird sich letztlich irgendwann für seine eigenen Werte entscheiden. Um dieses „Falsch“ und „Richtig“ unterscheiden zu können, braucht Ihr Sohn die schlussfolgernde Konsequenz seines Verhaltens: wenn – dann! „Wenn Du für Deine Klausur nicht paukst, dann wird die Zensur schlecht aussehen.“ – „Wenn Du Deine Freunde vor den Kopf stößt, dann wird sich keiner mehr um Dich kümmern.“ – Wenn Du den ganzen Tag nur chattenderweise vor Deinem Computer sitzt, dann flüchtest Du in eine virtuelle Welt, die Dich einsam machen wird.“ Und vor allem: „Wenn Du dich zuhause nicht an gewisse Regeln hältst, dann hat das zur Folge, dass ich diese Regeln enger fassen muss.“

Aber: Halten Sie Ihrem Sohn in jeder Diskussion immer eine Tür offen. Eine Möglichkeit, sich entschuldigen zu können, ohne dabei das Gesicht vor sich selbst zu verlieren. Eine Chance zur Einsicht, die ihn auf seinem unbequemen Weg nicht zu Fall bringt. Notwendige Konflikte in einer stabilen Beziehung zu seiner Vertrauensperson riskieren zu dürfen, nicht das Gefühl haben zu müssen, bei der kleinsten Debatte sei die familiäre Sicherheit gefährdet und man müsse damit rechnen, nicht mehr geliebt zu werden, all das sind Voraussetzungen für den Heranwachsenden, eine ebenso kritische, kritikfähige und selbstvertrauende Identität entwickeln zu können. Dem eigenen Ich eine Position in dieser Welt, in seinem sozialen Umfeld und vor allem vor sich selbst geben zu können, scheint umso schwieriger, wenn ein Kind keine verlässlichen Vertrauenspersonen hat – Personen, mit denen es aneinander geraten darf, ohne dass die ihm aufgrund ihrer verletzten Befindlichkeiten gleich die emotionalen Beine wegtreten.

Vermeiden Sie grundsätzlich, Ihrem Sohn ein schlechtes Gewissen einzureden oder ihm das von anderen Personen einreden zu lassen. Umso wichtiger bei Trennungskindern. Kinder, die auf einen Elternteil verzichten müssen, neigen dazu, sich eine Mitschuld an der Trennung ihrer Eltern zu geben. Nehmen Sie diese Last von den Schultern ihres Kindes. Gerade in der Pubertät zeigen solche Kinder oftmals selbst zerstörerisches Verhalten. Das kann sich bei introvertierten Teenagern in Depressionen bis hin zum Borderlinesyndrom oder gar Suizidgedanken äußern. Der negative Gegenpol ist die Suche nach negativer Aufmerksamkeit, die in ihrer aggressiven Form letztlich in den Händen der Justiz enden kann. Die Triebfeder des Kindes heißt in diesen Fällen: Meinen Eltern geht es schlecht, also muss es mir auch schlecht gehen. Sie können das vermeiden, indem Sie das Urvertrauen Ihres Sohnes stärken. Lassen Sie ihn vertrauen, in Sie als Vater und Bezugsperson, in die Welt und vor allem in sich selbst.

Bieten Sie Ihrem Kind Orientierung als männlicher Bezugs-Pol. Die Männliche Autorität zu erleben und sich gegen die auch auflehnen zu können, ist für Heranwachsende Jungen ein wichtiger Rahmen in der Tür, die sie in das bislang noch pubertierende Erwachsenenleben führt. Immerhin gibt es in Deutschland circa 1,4 Millionen Kinder, die diesen Reifeprozess an der Seite ihrer alleinerziehenden Mutter durchleben und somit auf den männlichen Reibungspunkt des Vaters zu verzichten haben. Kinder die ihre Werte ohne das vorgelebte Beispiel eines Vaters aufbauen müssen, haben es weitaus schwerer, soziale Strukturen zu definieren. Da kann es durchaus geschehen, dass die Konfliktsuche mit der Polizei zu einer Ersatzhandlung wird. „Wie weit kann ich gehen“ und „Wer von uns beiden ist der Stärkere“, derartige Fragen müssen hier nicht lange auf eine Antwort warten. Aber so weit soll es nicht kommen, und letztlich reden wir hier von der Beziehung zwischen Vater und Sohn.

Gerade Väter empfinden die Persönlichkeitswandlung ihres Sohnes oftmals als Provokation ihrer eigenen Werte. Der Kleine, der doch bislang immer dem Ideal seines Vaters nacheiferte, will jetzt seinen eigenen Weg gehen. Früher wollte er wie Papa sein. Jetzt entwickelt der Sohn seine eigene Wahrheit und wird zur eigenständigen Persönlichkeit der Erwachsenenwelt. Nicht länger will er in dieser Welt lediglich ein Mitbringsel des Vaters sein; er kämpft mit allen Mitteln um seinen eigenen Platz, seine ureigenste Identität. Unreflektierende Väter fühlen sich in diesem Moment verlassen und entwickeln Verlustängste. Ihr emotionaler Besitzstand ist gefährdet. Dabei ist diese väterliche Verlustangst vollkommen unnötig. Begreifen Sie die Entwicklung Ihres Sohnes als spannend, ergreifend und faszinierend, empfinden Sie diesen Prozess als etwas Großartiges – nicht nur für Ihr Kind, sondern auch für sich selbst. Sie haben die einmalige Gelegenheit, seine Entwicklung vom Kokon der Kindlichkeit bis zur Häutung in die Erwachsenenwelt miterleben zu dürfen. Jeder Schritt Ihres Sohnes entfernt ihn von seiner Zeit als kleiner Junge, und diesen kleinen Jungen werden Sie nun verlieren. Doch genauso führt ihn sein Weg in die erwachsene Männlichkeit. Dieser junge Mann wird in Zukunft an Ihrer Seite, aber auch in seiner Selbstständigkeit sein. Immer allerdings bleibt er Ihr Sohn.

Vertrau’ mir, mein Vater

Also wird der Vater in Julians Zimmer gehen. Er wird so etwas sagen, wie „Dein Verhalten war nicht okay.“ Vielleicht wird Julian dem Blick des Vaters noch ausweichen, möglicherweise rennt Ihnen auch schon ein erstes Lächeln über das Gesicht. Und Julians’ Vater wird sagen: „Mein Sohn, Du kannst machen, was Du willst, ich werde immer stolz auf Dich sein“ und vielleicht werden ihm dabei die Tränen in den Augen stehen. Julian wird spüren, dass der Mann, der doch immer sein großes Vorbild war, ihn auch jetzt nicht fallen lässt. Und mit kleinlauter, aber einsichtiger Stimme wird er sagen: „Vertrau’ mir mein Vater!“ Vertrauen Sie ihrem Sohn, er wird es schaffen.

 

Kommentare deaktiviert für Vertrau‘ mir mein Papa