Jörn Petersen

In einer Welt in unserer Zeit

Posted in Absurdes, Bedrückendes, Literarischer Journalismus by Jörn Petersen on Juni 11, 2011

Dem Morgen war es zu früh. Er wollte noch gar nicht sein. Weshalb diesen Namen tragen, wenn bereits heute die Arbeit erledigt werden sollte. Würde nicht gerade er als hoffentlich unbefleckter und unbelasteter Hoffnungsträger geboren werden? Wieso also das Morgen auf heute verschieben und Scherben wegfegen, die es mit einem gesunden Heute – mit einem verantwortungsvollen Jetzt – für das Morgen gar nicht gäbe?

Das Heute jedoch war dem Reiz der Reize längst erlegen. Maß halten, angesichts der Endlichkeit der eigenen Zeit? Auf Grenzenlosigkeit verzichten, ohne für die Konsequenzen eigener Taten zur Rechenschaft gezogen werden zu können – weshalb? Einklang – mit wem oder womit bitte, wenn doch in Sekunden aus der Gegenwart Vergangenheit und bereits morgen das Heute gestrig sein wird. Rastlose Vergänglichkeit, keine Zeit für Rücksicht; keine Zeit für Verantwortung, nicht mal den eigenen Kindern gegenüber. Und so gab sich das Heute einen fragwürdigen Kosenamen. Fortan nannte es sich „Zivilisation“ und zerstörte und raubte dem Morgen all das, woraus es jemals bestand: die Hoffnung.

Als das Heute sich aufmachte, in all seiner Oberflächlichkeit und Geldgier ausschließlich jenen die glühende Asche zu überlassen, die das Heute ihrer Großeltern nur aus deren Erzählungen vom angeblich besseren Damals kennen würden, wusste sich das Morgen keinen anderen Rat mehr, als dem Heute bereits zu Lebzeiten vor Augen zu führen, dass das Morgen schneller kommen könne als das Heute glaubte. Als Tornados und Flutwellen tobten, Epidemien, Hungersnöte und atomare Katastrophen nicht mehr wegzulügen waren, musste das Heute begreifen, dass es auch ein Heute nur mit einem Morgen geben kann. Und so verstand der Morgen, dass es beileibe nicht zu früh, sondern beinahe zu spät war, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Täglich stand er vor der Tür, der Morgen. Und er wünschte sich nur eines: Dass das Heute endlich begreife, wie wenig Zeit man für Geld kaufen kann.

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