Jörn Petersen

Journalismus aktuell – der Kampf der Meinungsfreiheit

Posted in Informationsjournalismus, Interpretativer Journalismus, Investigativjournalismus by Jörn Petersen on Juni 16, 2011

Bremen (WV). Pressefreiheit wird zur Meinungsfreiheit – allerdings im wahrsten Sinne des Wortes: frei von eigener Meinung. Wie lautete noch gleich der Name des Traums? Wollte der Journalist fernab des von Vorschriften geschwängerten Korsetts des „Was sollen die denken?“ seine eigenen Überzeugungen verbreiten? War es ihm wichtig, voller Neugierde und Wahrheit den Aktualitäten des Alltags begegnen zu dürfen? Und dann so was:

Zunächst wird dem künftigen Wortartisten an vermeintlich unabhängigen Medienakademien, die mit ihrem Namen vielmehr an eine Weinbrand-Destillerie erinnern, etwa dies vermittelt: Eigene Meinung lässt sich nicht verkaufen, das müsstest Du doch wissen. Und wenn Du es bislang noch nicht begriffen hast, dann ist spätestens dies der Moment, Dir deine fragwürdigen Träumereien endgültig abzuschminken. Wahrheit ist nur das, was den Leser fesselt. Wasserdicht recherchieren, kompetent redigieren, das ist Deine Aufgabe. Und dann gehst Du in die Marketingabteilung und fragst höflich, ob Du das so schreiben darfst. Mag sein, die wahre Wahrheit ist bisweilen ganz banal. Keine Schlagzeile wert. Dann mach’ eine Wahrheit daraus, die lesbar ist. Und schon wird der Boden, auf dem der ehemals Engagierte sich bewegt, ziemlich schlüpfrig. Das wollte er so nicht. Hier kommt die Wahrheit:

Der Lesende will das auch nicht. Aber das mediale Programm wird längst von den finanziell potenten Werbestrategen bestimmt. Im allabendlichen Fernsehprogramm dieses unseres Landes wird vollmundig das Elend gestrauchelter Familien in Reality-Shows zelebriert und jedermann mag sich daran weiden, dass es jene gibt, denen es noch schlechter geht als ihm selbst. Schau mal, wie dämlich die sind. Wer mag da dümmer sein – derjenige der sich im Elend befindet, weil ihm das Geld, die Bildung, der Zugang zu seinem Kind oder was auch immer fehlt oder eher derjenige, der sich vor seinem Hochglanzbildschirm voyeuristisch am problematischen Alltag anderer abreagiert.

Solange die neuen Journalisten ausschließlich für Werbekampagnen prostituiert werden, werden zielgenaue Recherchen immer weniger. Das Berufsbild des Journalisten verabschiedet sich zusehends von seinen eigenen Grundsätzen. Es gab Zeiten, da verstand sich der Journalismus nach der Legislative, Judikative und Exekutive als die vierte Macht des Staates. Schaltet man derzeit den Bildschirm an, kann man sich dessen gewiss sein, dass der Journalist zum Handlanger der Marketingstrategen geworden ist.

Hut ab vor den Wenigen, die Meinungsfreiheit als Pressefreiheit verstehen, als Auftrag der Information – schonungslos, direkt, und ohne die Zensur durch hochrangige, zahlungsfähige Interessenverbände. Hut ab vor jenen, die sich auch in heutigen Zeiten nicht vor den Pflug der allbeherrschenden Marketingfirmen spannen lassen. Natürlich ist es einfacher, ein Produkt zu verkaufen, als eine eigene Meinung zu vertreten. Das war immer so. Aber die Pressefreiheit ist ein demokratisches Gut. Sicherlich ist es möglich, diese Demokratie mit Füßen zu treten. Ihr Antlitz hat ohnehin in den vergangenen Jahren der Profillosigkeit der Politiker gelitten. Die vierte Macht im Staate sollte sich weiterhin ihrer Verantwortung bewusst sein dürfen: Meinungsfreiheit? Warum? Es ist nicht nur die Pflicht jedes verantwortlichen Journalisten, zu seiner Meinung zu stehen. Es ist gleichwohl sein Pflicht, eine Meinung zu haben.

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